Dinghai Fusheng Records. Buch 1 von Fei Tian Ye Xiang
Starke Figuren in einer Welt aus Kulissen
Dinghai Fusheng Records von Fei Tian Ye Xiang wird häufig als Danmei-Roman vermarktet, tatsächlich steckt jedoch deutlich mehr klassische Fantasy zwischen den Buchdeckeln als reine Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt steht der sechzehnjährige Exorzist Chen Xing, der seinen Schutzpatron Xiang Shu finden muss, um eine Welt zu retten, aus der die spirituelle Energie weitgehend verschwunden ist. Bereits auf den ersten Seiten wird deutlich, dass der Autor ein hohes Erzähltempo bevorzugt. Rätsel, die andere Fantasyreihen über mehrere hundert Seiten aufbauen würden, werden hier erstaunlich schnell aufgelöst. Chen Xing findet seinen Schutzpatron früh, seine Blindheit verschwindet bereits im ersten Kapitel und die Handlung setzt sich ohne größere Umwege in Bewegung. Das sorgt für einen dynamischen Einstieg, nimmt der Geschichte aber zugleich etwas von ihrer geheimnisvollen Wirkung.
Die größte Stärke des Romans liegt für mich eindeutig bei seinen Figuren. Chen Xing ist kein typischer Fantasyheld, der sich über körperliche Stärke definiert. Seine größte Ressource ist sein Vertrauen in andere Menschen und seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Gerade dadurch wirkt er trotz seines jungen Alters erstaunlich reif. Xiang Shu bildet dazu einen gelungenen Gegenpol. Der vermeintliche Beschützer wird nicht als unbesiegbarer Krieger eingeführt, sondern als schwer kranker Gefangener, der zunächst selbst gerettet werden muss. Diese Umkehrung klassischer Rollenbilder hat mir gut gefallen. Psychologisch betrachtet ergänzen sich beide Figuren auf interessante Weise. Chen Xing verfügt über Empathie, Hoffnung und spirituelle Orientierung, während Xiang Shu Stabilität, Erfahrung und Schutz bietet. Keiner von beiden wirkt vollständig ohne den anderen. Auch Feng Qianjun lockert die Geschichte auf. Seine humorvolle und offene Art sorgt dafür, dass die Dynamik der Gruppe nicht zu ernst oder zu schwer wird.
Weniger überzeugt hat mich das Worldbuilding. Dieser Kritikpunkt ist etwas schwer zu greifen, weil es dem Roman keineswegs an Informationen mangelt. Es gibt politische Hintergründe, historische Bezüge, eine Karte und Erklärungen zur Magie. Dennoch blieb die Welt für mich überraschend blass. Während ich bei Autoren wie Tad Williams oder Robin Hobb das Gefühl habe, einen realen Ort zu betreten, durch den Menschen leben, arbeiten und atmen, wirkte die Welt von Dinghai Fusheng Records oft wie eine Kulisse für die Handlung. Mir fehlten Atmosphäre, Sinneseindrücke und das Gefühl, dass diese Orte auch dann existieren würden, wenn die Hauptfiguren gerade nicht anwesend sind. Die Welt ist vorhanden, aber sie hat mich emotional nicht erreicht.
Auch die Handlung selbst bleibt für meinen Geschmack stellenweise etwas zu funktional. Viele Ereignisse folgen direkt aufeinander, wodurch zwar kaum Langeweile aufkommt, gleichzeitig aber wenig Raum für Zwischentöne, Alltag oder die Entwicklung einer stärkeren Bindung zur Umgebung entsteht. Einige Leser schätzen gerade dieses Tempo, für mich hätte die Geschichte an mehreren Stellen von mehr Ruhe und Atmosphäre profitiert.
Aus feministischer Perspektive fällt auf, dass weibliche Figuren bislang kaum eine tragende Rolle spielen. Das ist innerhalb des Danmei-Genres nicht ungewöhnlich. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass der Roman alternative Formen von Männlichkeit zeigt. Verletzlichkeit, Fürsorge und emotionale Offenheit werden nicht als Schwäche dargestellt. Besonders Chen Xing verkörpert eine Form von Männlichkeit, die nicht auf Dominanz oder körperlicher Überlegenheit beruht.
Insgesamt habe ich Dinghai Fusheng Records mit gemischten, aber überwiegend positiven Gefühlen gelesen. Die Figuren und ihre Beziehungen zueinander haben mich deutlich stärker interessiert als die eigentliche Handlung oder die Welt, in der diese stattfindet. Gerade die psychologische Dynamik zwischen Chen Xing und Xiang Shu macht neugierig auf die Fortsetzung. Gleichzeitig blieb für mich das Gefühl bestehen, dass die Welt hinter der Geschichte ihr Potenzial noch nicht vollständig entfaltet.
Deshalb vergebe ich 3 von 5 Herzenslampen. Der Roman besitzt interessante Charaktere, einige schöne psychologische Motive und eine ungewöhnliche Ausgangssituation, konnte mich atmosphärisch jedoch nicht so tief in seine Welt hineinziehen, wie ich es mir von einer großen Fantasygeschichte wünsche.
Dinghai Fusheng Records. Buch 1
Dinghai Fusheng Records verbindet chinesische Mythologie, Fantasy und historische Elemente zu einer atmosphärischen Geschichte über Verantwortung, Vertrauen und den Kampf gegen übernatürliche Mächte.



