Die Psychologin liest: Osten Ard - Der Abschiedsstein von Tad Williams

24. August 2026

Wenn selbst Unsterbliche nicht loslassen können


Spoilerwarnung: Diese Rezension enthält deutliche Spoiler zu Der Abschiedsstein und Der Drachenbeinthron.


Einordnung ins Genre und in die Rpmanreihe

Mit "Der Abschiedsstein" löst sich Osten Ard für mich deutlicher von den offensichtlichen Tolkien-Parallelen des ersten Bandes. Wir haben weiterhin klassische High Fantasy: einen jungen Helden, alte Völker, magische Schwerter, einen zurückkehrenden Feind und eine Welt, deren Vergangenheit sehr unmittelbar in die Gegenwart hineinwirkt. Williams beginnt aber, diese vertrauten Motive zu beschädigen. Die vermeintlich weisen Sithi haben eine Geschichte als Unterdrücker:innen. Der legendäre Ritter Camaris kehrt nicht als strahlender Held zurück, sondern als desorientierter alter Mann. Miriamel versucht, sich aus den Entscheidungen der Männer um sie herum zu lösen und gerät dabei in neue Abhängigkeiten. Simon muss feststellen, dass Erwachsenwerden weder automatisch mit Heldentum noch mit romantischen ersten sexuellen Erfahrungen verbunden ist. Der Abschiedsstein ist deshalb für mich der Band, in dem Osten Ard eine deutlich eigenständigere Identität bekommt.


Plot, Pacing und Spannung

Williams erzählt weiterhin langsam. Sehr langsam. Figuren reisen, warten, frieren, reden und erinnern sich. Manchmal passiert über viele Seiten äußerlich wenig. Trotzdem hat mich das hier weniger gestört als im ersten Band, weil dieses langsame Tempo zunehmend zum Thema des Romans selbst wird. Besonders sichtbar wird das während Simons Aufenthalt bei den Sithi in Jao é-Tinukai'i. Für die nahezu unsterblichen Sithi besitzt Zeit eine völlig andere Bedeutung. Entscheidungen können warten. Tage verschwimmen. Man spielt, hört den Grillen zu und erinnert sich. Für Simon ist das beinahe unerträglich.

Gerade weil ich Simon weiterhin sehr ADHS-nah lese, funktioniert dieser Aufenthalt psychologisch gut. Simon braucht Bewegung, Aufgaben und Reize. Bei den Sithi bekommt er Schönheit und Sicherheit, aber kaum Beschäftigung. Irgendwann stellt sich dabei eine unangenehme Frage: Was macht ein fast unendliches Leben mit einem Menschen oder menschenähnlichen Wesen? Die Sithi wirken nicht nur weise. Sie wirken teilweise müde, rückwärtsgewandt und erstarrt. Ausgerechnet Ineluki besitzt etwas, das vielen von ihnen fehlt: einen Antrieb. Leider besteht dieser aus jahrhundertelang konservierter Rache.


Worldbuilding: Die Sithi verlieren ihren Heiligenschein

Das war für mich einer der interessantesten Aspekte dieses Bandes. Im Drachenbeinthron erscheinen die Sithi noch sehr leicht als die guten Elben dieser Welt. Jiriki unterstützt diesen Eindruck. Er ist loyal, reflektiert und Simon gegenüber erstaunlich offen. Im zweiten Band wird klarer, dass eine sympathische Einzelperson noch lange keine moralisch integre Kultur bedeutet.

Die Geschichte der Tinukeda'ya verändert den Blick auf die Sithi erheblich. Die Tinukeda'ya lebten bereits gemeinsam mit den Kindern des Gartens in deren ursprünglicher Heimat. Sie bauten unter anderem die Schiffe, mit denen beide Gruppen nach Osten Ard gelangten. Trotzdem entstand keine Gemeinschaft auf Augenhöhe. Die Kinder des Gartens unterwarfen die Tinukeda'ya und nutzten ihre Arbeitskraft. Besonders bitter ist dabei das Geheimnis der extremen Langlebigkeit. Die Keida'ya verfügen über das Wissen um das Hexenholz und das daraus gewonnene Mittel zur Lebensverlängerung. Dieses Wissen wurde den Tinukeda'ya vorenthalten. Lebenszeit wird damit selbst zu einem Privileg der herrschenden Gruppe.

Gleichzeitig werden die Sithi später von Menschen vertrieben und getötet. Williams erlaubt ihnen damit, Täter:innen und Opfer zugleich zu sein. Ihre eigene Verfolgung wird dadurch nicht weniger real. Ihre historische Schuld verschwindet aber ebenfalls nicht. Das macht dieses Volk für mich wesentlich interessanter als eine weitere Variation von Tolkiens Elben.


Psychologie: Wenn Jahrhunderte nichts heilen

Das Thema Zeit zieht sich durch erstaunlich viele Figuren. Bei den Sithi führt Langlebigkeit teilweise zu Passivität und einer fast obsessiven Beschäftigung mit Erinnerung. Bei Ineluki passiert das Gegenteil und am Ende doch dasselbe. Er handelt, besitzt Elan und ein Ziel. Psychologisch entwickelt auch er sich jedoch keinen Millimeter weiter. Seine gesamte Existenz als Sturmkönig kreist um eine alte Kränkung, den Verlust von Asu'a und seinen Hass auf die Menschen. Jahrhunderte heilen hier keine Wunde sondern konservieren sie. Bei den Nornen wird daraus beinahe eine Kultur des Leidens. Tod, Verlust und Schmerz erhalten einen eigenen ästhetischen Wert. Gleichzeitig hängt Utuk'ku selbst vehement an ihrer Existenz. Diese Widersprüchlichkeit ist interessant: Ein langes Leben produziert bei Williams keine automatische Weisheit. Langlebigkeit kann genauso bedeuten, Jahrhunderte Zeit zu haben, um sich in derselben Kränkung einzurichten.


Simon und das Coming-of-Age

Simon wird in diesem Band spürbar älter, ohne plötzlich erwachsen geschrieben zu werden, was sehr gelungen ist. Seine ersten erotischen Erfahrungen gehören dazu. Aditu, Jirikis Schwester, begegnet ihm selbstbewusst und körperlich sehr selbstverständlich. Simon reagiert darauf mit der erwartbaren Mischung aus Begehren, Verlegenheit und Überforderung.

Aditu ist dabei feministisch ambivalent. Einerseits besitzt sie eine sexuelle Selbstbestimmung, die den menschlichen Frauen der Geschichte bisher selten zugestanden wird. Sie entscheidet selbst, wie sie mit Simon umgeht. Ihre Sexualität gehört ihr. Andererseits bedient sie ein altes Rollenbild der Fantasy: die exotische Verführerin. Ausgerechnet die kulturell fremde Frau darf sexuell freier sein. Ihre Andersartigkeit und ihre erotische Attraktivität werden miteinander verbunden. Darin steckt für mich gleichzeitig Freiraum für eine weibliche Figur und männliche Projektion.

Noch wesentlich unangenehmer wird Simons sexuelle Entwicklung bei Skodi. Ihre Gemeinschaft aus Kindern funktioniert wie eine Sekte. Sie ist Mutterfigur und absolute Autorität. Die Kinder leben isoliert und scheinen ihre gesamte emotionale Zugehörigkeit auf sie ausgerichtet zu haben. Dann sind da die Schädel. Williams erklärt nicht jeden einzelnen Mord, aber die Implikation ist kaum zu übersehen: Die Erwachsenen dieser Kinder sind nicht nur verschwunden. Gewalt gegen die Eltern gehört offenbar zur Entstehung dieser Ersatzfamilie. Damit werden die Kinder gleichzeitig erschreckend und tragisch. Wenn sie selbst an den Tötungen beteiligt waren, sind sie Täter:innen innerhalb eines Systems, in dem sie zugleich Opfer sind. Besonders problematisch ist Skodis Umgang mit Simon. Ihre körperliche Annäherung ist sexualisiert und grenzverletzend. Gleichzeitig kontrolliert sie Simon übernatürlich. Freie Zustimmung existiert in dieser Situation nicht. Ich würde dennoch zwischen einem sexualisierten Übergriff und einem explizit dargestellten sexuellen Missbrauch unterscheiden, weil Williams Letzteren nicht eindeutig beschreibt. Psychologisch gehört die Sexualisierung für mich zur gesamten Machtstruktur dieser Figur. Skodi beansprucht Simons Aufmerksamkeit, seinen Körper und schließlich seinen Willen. Das Kapitel ist für mich eines der verstörendsten des gesamten Bandes.


Miriamel und weibliche Selbstbestimmung

Bei Miriamel bleibt mein feministischer Eindruck zwiespältig. Sie versucht zunehmend, selbst über ihr Leben zu entscheiden. Gleichzeitig bewegt sie sich weiterhin in einer Welt, in der Männer über ihren Körper, ihren Aufenthaltsort und ihre politische Bedeutung verfügen wollen. Ihre Beziehung zu Aspitis gehört dazu. Aus der jugendlichen Schwärmerei wird Sex. Allerdings geschieht das in einer Situation, in der Miriamel emotional verletzlich und isoliert ist und Aspitis deutlich mehr soziale Macht besitzt. Spätestens als sie ihm widerspricht, verändert sich sein Verhalten.

Damit wird ihre erste sexuelle Erfahrung nicht zur großen romantischen Emanzipation. Sie zeigt vielmehr, wie leicht der Wunsch nach Selbstständigkeit in eine neue Abhängigkeit führen kann. Das ist bitter, aber psychologisch nachvollziehbar. Gleichzeitig bleibt Miriamel für mich noch deutlich stärker in traditionellen weiblichen Rollenmustern verhaftet, als ich es mir bei einer der zentralen Figuren der Reihe wünschen würde.


Maegwin: Zwischen patriarchaler Begrenzung und Selbstmitleid

Maegwin erinnert mich weiterhin sehr an Éowyn aus "Herr der Ringe". Gleichzeitig geht Williams mit ihr einen anderen Weg. Besonders aufschlussreich ist ihre Auseinandersetzung mit Eolair. Sobald Maegwin tatsächlich die Autorität beansprucht, die ihr formal zusteht, behandelt er sie zunächst wie ein unvernünftiges Kind. Er möchte ihre Entscheidung lieber mit anderen Männern besprechen. Maegwin zwingt ihn schließlich, ihre Stellung anzuerkennen. Er gehorcht, macht aber deutlich, dass in diesem Gehorsam wenig Liebe liegen werde. Das ist eine interessante patriarchale Dynamik: Zuneigung funktioniert, solange die Frau innerhalb der erwarteten Rolle bleibt. Sobald sie Autorität ausübt, wird diese emotionale Anerkennung entzogen. Trotzdem möchte ich Maegwin nicht ausschließlich als Opfer lesen. Sie versinkt zunehmend in Selbstmitleid. Reale strukturelle Begrenzung und eine immer passivere Selbstwahrnehmung existieren gleichzeitig. Gerade diese Ambivalenz macht sie interessanter.


Rachel, Gutwulf und Camaris

Rachel reguliert den Zusammenbruch ihrer Welt über Ordnung. Sie arbeitet, kontrolliert und hält an Routinen fest. Fürsorge äußert sich bei ihr selten sentimental. Sie besteht aus Essen, Arbeit und dem Wissen, wo jemand hingehört. Der Hochhorst ist ihr psychisches Koordinatensystem. Während dieses System zerfällt, versucht Rachel, wenigstens seine alltäglichen Strukturen aufrechtzuerhalten.

Gutwulf reagiert völlig anders. Seine Loyalität gegenüber Elias wird zur Falle. Je offensichtlicher die moralische Katastrophe um ihn herum wird, desto schwerer wird es für ihn, seine eigene Beteiligung anzuerkennen. Hier lässt sich gut mit dem Konzept der Moral Injury, der moralischen Verletzung, arbeiten. Seine Erblindung ist dabei beinahe demonstrativ symbolisch: Ein Mann, der lange nicht sehen wollte, verliert sein Augenlicht. Mit der Blindheit verliert er zugleich einen wesentlichen Teil seiner bisherigen Identität als Krieger.

Und dann kehrt mit Camaris eine Legende zurück, nur eben nicht als Legende. Camaris erscheint desorientiert, mit erheblichen Erinnerungslücken und einem beschädigten Selbstbild. Statt des großen Ritters bekommen wir einen alten Mann, dessen frühere Identität kaum noch mit seiner Gegenwart zusammenpasst. Ich lese das weniger als reine Amnesie und stärker als Verbindung aus Trauma, Identitätsverlust und kognitiver Desorganisation. Williams dekonstruiert damit erneut einen klassischen Fantasy-Archetyp. Was bleibt von einem Helden übrig, wenn er sich selbst nicht mehr als diesen Menschen erkennen kann?


Amerasu und das Ende

Am Ende redet Amerasu sehr viel. Wirklich sehr viel. Williams braucht diese Informationsdichte, weil sie das bisherige Verständnis der Geschichte neu ordnet. Ineluki ist nicht nur der abstrakte dunkle Sturmkönig. Er ist Amerasus Sohn. Utuk'ku ist seine Großmutter. Der zentrale Konflikt Osten Ards wird damit auch zur Familiengeschichte. Amerasu steht für eine Haltung, die innerhalb ihrer Familie fast verloren gegangen ist. Sie erkennt die Fehler ihres eigenen Volkes und versucht, Vergangenheit nicht ausschließlich als Rechtfertigung für neue Gewalt zu benutzen. Dann wird sie getötet. Das funktioniert dramaturgisch, weil sie stirbt, bevor sie ihre entscheidenden Erkenntnisse vollständig weitergeben kann. Gleichzeitig ist es ein sehr bequemer erzählerischer Mechanismus: Die Figur mit den Antworten stirbt exakt dann, wenn sie zu viele davon besitzt.


Stil und Sprache

Williams beschreibt ausgesprochen bildlich und genau. Landschaften, Räume und Wetter bekommen Zeit. Man weiß häufig sehr genau, wie sich ein Ort anfühlt. Interessanter finde ich inzwischen aber, was er nicht vollständig beschreibt. Skodis sexuelle Grenzüberschreitung, die Schädel, bestimmte Gewalterfahrungen und auch sexuelle Begegnungen werden teilweise nur angedeutet. Die Andeutungen sind dabei konkret genug, dass Leser:innen verstehen, was geschehen ist. Williams vertraut darauf, dass man die Lücke selbst schließt. Das funktioniert für mich deutlich besser als künstliche Unklarheit, bei der nach mehreren Seiten immer noch nicht erkennbar ist, ob überhaupt etwas passiert ist.


Feministische Einordnung

Der Abschiedsstein ist für mich feministisch interessanter als der erste Band, ohne deshalb ein feministischer Roman zu sein. Miriamel und Maegwin versuchen, Handlungsmacht zu gewinnen und erleben unmittelbar die Grenzen, die ihnen Männer setzen. Rachel besitzt informelle Macht innerhalb einer häuslich codierten Sphäre. Aditu besitzt sexuelle Selbstbestimmung, trägt aber gleichzeitig das problematische Rollenbild der exotischen Verführerin. Skodi wiederum ist eine weibliche Täterfigur, deren Macht ebenfalls über Mutterschaft und Sexualisierung codiert wird. Williams schreibt Frauen damit zunehmend widersprüchlich. Trotzdem fällt weiterhin auf, wie häufig weibliche Handlungsmacht über Sexualität, Beziehung oder Fürsorge erzählt wird, während Männer wesentlich selbstverständlicher politische und militärische Räume besetzen. Das möchte ich der Reihe nicht durchgehen lassen. Interessant finde ich aber, dass Williams selbst beginnt, an diesen Strukturen zu rütteln.


Fazit

Der Abschiedsstein hat für mich das eingelöst, was Der Drachenbeinthron vorbereitet hat. Osten Ard wird historisch schmutziger. Die Sithi verlieren ihren Heiligenschein. Figuren dürfen gleichzeitig Opfer und Täter:innen sein. Sexualität gehört zum Erwachsenwerden, wird aber nicht automatisch romantisiert. Hinter dem großen Kampf gegen den Sturmkönig steckt zunehmend eine Geschichte über Menschen und Völker, die ihre alten Verletzungen nicht loslassen können.

Das langsame Pacing bleibt. Amerasus Informationsschwall am Ende ist ordentlich. Manche Figuren suhlen sich derart ausdauernd in ihrem Leid, dass ich ihnen irgendwann gern einen sehr festen Termin zur Selbstreflexion gegeben hätte. Trotzdem hat mich gerade diese Langsamkeit diesmal stärker überzeugt. Williams erzählt eine Welt, in der Vergangenheit nicht vergangen ist. Bei manchen Figuren liegt sie Jahrzehnte zurück, bei anderen Jahrtausende. Ich vergebe 5 von 5 Schwertern.


Der Abschiedsstein

Tad Williams


Im zweiten Band der Osten-Ard-Reihe wird Simons Reise noch größer und gefährlicher: Während sich die Bedrohung durch die Nornen zuspitzt, geraten die Figuren zunehmend zwischen politische Konflikte und uralte Geheimnisse. Tad Williams verbindet epische Fantasy mit vielschichtigen Figuren, persönlichen Verlusten und einer Welt, deren Geschichte weit in die Vergangenheit reicht.


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🎙️ Meine Podcast-Empfehlung: Zum Grünengelturm Podcast

Wer während oder nach dem Lesen der Osten-Ard-Reihe noch ein bisschen länger in dieser faszinierenden Welt bleiben möchte, dem/der möchte ich den Podcast Zum Grünengelturm ans Herz legen. Dort wird mit viel Liebe und Begeisterung über Tad Williams’ Osten Ard gesprochen – über die Bücher, ihre Figuren, die Welt und all die Geschichten, die sich zwischen den Zeilen entdecken lassen. Ich finde es immer besonders inspirierend, wenn ein Buch nicht einfach mit der letzten Seite endet, sondern noch Raum für Gespräche, Gedanken und neue Perspektiven lässt. Genau dafür ist dieser Podcast eine wunderbare Ergänzung!


Eine herzliche Empfehlung für alle, die Osten Ard genauso ungern verlassen wie ich: Podcast  "Zum Grünengelturm"


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