Die Psychologin liest: Was wir von ihr wissen von Rebecca Fallon
Wie gut kennen wir unsere Eltern wirklich?
Spoilerwarnung: Die Rezension bespricht zentrale Figurenkonflikte, familiäre Dynamiken und einige Entwicklungen der Handlung. Größere Wendungen bleiben ausgespart.
Genre, Cover und Erwartungen
„Was wir von ihr wissen“ ist ein literarischer Familienroman mit Elementen einer Familiensaga und eines Trauerromans. Das Cover wirkt ruhig und beinahe nostalgisch. Zusammen mit dem Titel hatte ich deshalb einen eher introspektiven Roman über Erinnerung, Familie und die Frage erwartet, wie gut wir die Menschen kennen, mit denen wir aufgewachsen sind. Genau dort liegt auch die größte Qualität des Buches. Wer hinter Susans verborgenem Leben allerdings ein großes Familiengeheimnis oder dramatische Enthüllungen erwartet, dürfte von der Entwicklung weniger bekommen als das Setting zunächst verspricht.
Worum geht es?
Susan ist Mutter der Zwillinge Viola und Sebastian, Ehefrau des Historikers Al und zugleich Schauspielerin in einer erfolgreichen Fernsehserie. Während ihre Familie in Neuengland lebt, arbeitet sie unter einem anderen Namen in Los Angeles. Ihr Leben findet über Jahre zwischen Familie und Beruf statt. Als Susan an Krebs stirbt, sind ihre Kinder noch jung. Al entscheidet danach, einen wesentlichen Teil ihrer Vergangenheit aus der Familiengeschichte zu entfernen. Jahre später beginnen Viola und Sebastian zu verstehen, dass sie ihre Mutter nur in Ausschnitten kannten. Was folgt, ist weniger die Suche nach einem großen Geheimnis als die Rekonstruktion eines Menschen, über den innerhalb derselben Familie völlig unterschiedliche Geschichten erzählt werden.
Plot und Logiklücken
Rebecca Fallon baut ihren Debütroman um eine zentrale Frage auf: Wer waren unsere Eltern, bevor wir sie fast nur noch als Mutter oder Vater wahrgenommen haben? Susan funktioniert dabei sehr gut als abwesendes Zentrum der Handlung. Obwohl sie früh stirbt, bestimmt sie die Beziehungen der anderen Figuren weiterhin. Für Al ist sie verlorene Ehefrau, Sebastian sucht zunehmend nach einer Mutter, die er kaum kennenlernen durfte, während Viola sich vor allem an ihre Abwesenheit erinnert. Menschen aus Susans Schauspielkarriere kannten wiederum eine Version von ihr, von deren Existenz ihre Kinder lange nichts wussten. Dass hinter dieser Vergangenheit kein spektakuläres Doppelleben wartet, passt zum Thema des Romans. Susan war kein völlig anderer Mensch, sondern eine Frau mit Bedürfnissen, Ambitionen und Widersprüchen, die in der Familienerzählung keinen Platz mehr bekommen haben. Für die Spannung ist diese Zurückhaltung nicht immer ideal, weil einige Enthüllungen lange vorbereitet werden und bei ihrer Auflösung kleiner wirken als erwartet. Mein größeres Problem ist allerdings Al. Seine Entscheidung, Aufzeichnungen von Susans Arbeit zu vernichten und den Kindern diesen Teil ihrer Mutter vorzuenthalten, ist psychologisch und moralisch massiv. Seine Trauer erklärt einen Teil seines Verhaltens, trotzdem hätte ich mir deutlich mehr Einblick in seine inneren Konflikte gewünscht. Gerade weil ein Historiker gezielt ein persönliches Archiv vernichtet, steckt darin eine bemerkenswerte Ironie, die der Roman noch ausführlicher hätte nutzen dürfen.
Stil und Sprache
Fallon erzählt ruhig und nah an den Erinnerungen ihrer Figuren. Besonders Krankheit, körperliche Nähe und kleine Erinnerungsfragmente erhalten dadurch Gewicht. Die wechselnden Perspektiven passen sehr gut zum Thema des Romans, weil es keine objektive Susan gibt. Jede Figur besitzt ihre eigene Version von ihr. Gerade zu Beginn erzeugen die Perspektivwechsel und Zeitsprünge aber auch Distanz. Ich brauchte etwas, bis aus den einzelnen Episoden ein emotional zusammenhängendes Familienbild entstand. Sprachlich bleibt Fallon eher zurückgenommen und vertraut darauf, dass ihre Figuren und deren Widersprüche für sich stehen.
Worldbuilding
Bei einem Familienroman zeigt sich Worldbuilding vor allem über Milieu und Zeitgefühl. Besonders gut funktioniert der Gegensatz zwischen dem akademisch geprägten Familienleben in Neuengland und Susans Karriere in der amerikanischen Fernsehindustrie. Los Angeles ist dadurch mehr als ein zweiter Schauplatz. Die Stadt steht für einen Teil ihrer Identität, der innerhalb ihrer Familie zunehmend ausgeblendet wird. Auch das gesellschaftliche Klima der Achtziger und Neunziger trägt viel zum Konflikt bei. Frauen dürfen berufliche Ambitionen haben, gleichzeitig bleibt die Verantwortung für das Funktionieren der Familie auffällig stark an ihnen hängen.
Pacing und Spannung
Der Roman braucht Zeit. Die ersten Kapitel leben stärker von Figurenbeobachtung und Familiengeschichte als von Handlung. Erst als Sebastian beginnt, nach Spuren seiner Mutter zu suchen, gewinnt die Geschichte für mich deutlich an Zug. Spannung entsteht vor allem durch Leerstellen. Was wissen die Kinder nicht? Warum hat Al bestimmte Dinge verschwiegen? Wie sah Susans Leben in Los Angeles aus? Wer große Enthüllungen erwartet, wird den Roman eher langsam wahrnehmen. Seinen Reiz entfaltet er vielmehr in den Widersprüchen zwischen den Erinnerungen und darin, wie unterschiedlich Menschen dieselben Ereignisse in ihre eigene Biografie einbauen.
Psychologische Tropes und Psychologie der Figuren
Psychologisch liegt für mich die größte Qualität des Romans in der unterschiedlichen Trauerbewältigung der Zwillinge. Sebastian sucht Nähe zu Susan. Er sammelt Informationen, beschäftigt sich mit ihrer Vergangenheit und beginnt zunehmend, sie zu idealisieren. Auch seine Kunst wird zu einer Form der Auseinandersetzung mit der verstorbenen Mutter. Viola reagiert fast gegenteilig. Sie schützt sich stärker über Distanz, Wut und Abwertung. Susans berufliche Abwesenheit wird für sie zu einem Teil ihres Urteils über die Mutter. So entstehen aus demselben Verlust zwei verschiedene Susan-Figuren. Besonders aufschlussreich ist dabei das Konzept der narrativen Identität. Erinnerung funktioniert nicht wie ein unverändertes Archiv. Menschen wählen aus, interpretieren und erzählen Vergangenes immer wieder neu. Im Roman greift Al zusätzlich aktiv in diesen Prozess ein. Er entscheidet, welche Informationen seine Kinder erhalten und welche Version ihrer Mutter erhalten bleiben soll. Seine Trauer wird dadurch auch zu Kontrolle. Eine besondere Dynamik entsteht außerdem durch Violas Beziehung zu Orson, einem Mann aus Susans früherem Leben. Er besitzt Wissen über ihre Mutter, das Viola selbst fehlt. Dadurch vermischen sich bei ihr Begehren, Konkurrenz und die Suche nach Zugang zu Susan. Psychodynamisch lässt sich darin eine Wiederholung des ungelösten Mutterkonflikts lesen. Auch Violas ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber Sebastian fällt auf. Nach dem Tod der Mutter übernimmt sie innerhalb der Geschwisterbeziehung teilweise eine fürsorgliche Position, die über reine Verbundenheit hinausgeht. Gerade angesichts von Als eigener Trauer stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung innerhalb dieser Familie auf die Kinder verschoben wurde. Zu den wichtigsten psychologischen Tropes und Motiven gehören damit Familiengeheimnisse, zwei Zeitebenen, mehrere Perspektiven, Trauer und Erinnerung, gegensätzliche Formen der Trauerbewältigung, Idealisierung und Abwertung, familiäres Erbe sowie die Frage, wer ein Elternteil außerhalb seiner Rolle als Mutter oder Vater gewesen ist.
Feministische Aspekte
Susan ist für mich die spannendste Figur des Romans, weil Fallon ihren Konflikt nicht sauber auflöst. Sie liebt ihre Kinder und sie liebt ihre Arbeit. Beides gehört zu ihrer Identität. Trotzdem werden die beruflichen Entscheidungen der Eltern unterschiedlich behandelt. Als akademische Karriere erscheint innerhalb der Familie weitgehend als feste Größe. Susans Karriere muss dagegen immer wieder mit ihrer Rolle als Mutter verrechnet werden. Ihre Abwesenheit bekommt dadurch moralisches Gewicht. Bemerkenswert ist, dass Viola diese Bewertung teilweise übernimmt und Susans berufliche Entscheidungen zunächst auch darüber beurteilt, was sie für ihre Kinder bedeutet haben.
Damit zeigt der Roman sehr gut, wie Vorstellungen von Mutterschaft innerhalb einer Familie weitergegeben werden. Weibliche Selbstverwirklichung wird akzeptiert, solange Fürsorge und Verfügbarkeit darunter nicht sichtbar leiden. Sobald das geschieht, steht schnell die Mutter als Person zur Diskussion. Nach Susans Tod entsteht noch eine zweite feministische Ebene. Al entscheidet darüber, welche Version seiner Frau erhalten bleibt. Er entfernt ihre berufliche Vergangenheit und reduziert damit auch nachträglich die Komplexität ihres Lebens. Die Frage nach Erinnerung wird dadurch auch zu einer Frage der Deutungshoheit: Wer darf erzählen, wer eine Frau gewesen ist, wenn sie selbst nicht mehr sprechen kann?
Fazit
„Was wir von ihr wissen“ ist ein ruhiger Familienroman über Trauer, Erinnerung und die Geschichten, die Familien über sich selbst erzählen. Nicht jede Figur erhält dabei dieselbe Tiefe. Besonders Al hätte für mich mehr Raum gebraucht, und einige lange vorbereitete Enthüllungen verlieren bei ihrer Auflösung etwas an Wirkung. Die psychologische Konstruktion der Familie funktioniert dafür sehr gut. Viola und Sebastian zeigen, wie unterschiedlich derselbe Verlust verarbeitet werden kann, während Susan gerade durch ihre Abwesenheit immer komplexer wird. Am stärksten beschäftigt mich die Frage, die bereits im deutschen Titel steckt: Was wissen wir von einem Menschen, wenn wir ihn nur aus einer einzigen Rolle kannten, und wie viel davon wurde uns von anderen erzählt? Ich vergebe 4 von 5 Sternen.
Was wir von ihr wissen
Rebecca Fallon
Rebecca Fallons „Was wir von ihr wissen“ erzählt von Susan, die zwischen ihrer Rolle als Mutter und ihrer erfolgreichen Karriere als Schauspielerin steht. Nach ihrem frühen Tod erfahren ihre Zwillinge erst Jahre später, dass ihr Vater wichtige Teile des Lebens ihrer Mutter vor ihnen verborgen hat, und beginnen, ihre eigene Geschichte über Susan zusammenzusetzen.



