Die Psychologin liest: Als die Wolken noch süß waren von Bunye Ngene
57/100 Punkten · 3/5 Sterne
Rezensionsexemplar vom Autor, meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.
Einordnung ins Genre
„Als die Wolken noch süß waren“ von Bunye Ngene ist ein Familienroman über Erinnerung, Herkunft und die Frage, was zwischen Generationen weitergegeben wird, selbst wenn persönliche Beziehungen längst abgebrochen sind. Ausgangspunkt ist Feyi, die in Lagos lebt und vom Tod ihrer deutschen Großmutter erfährt. Sie empfindet weder Trauer noch besondere Verbundenheit und kennt die Verstorbene praktisch nur von einem alten Foto. Als sie ein Haus in Starnberg erbt, reist sie nach Deutschland und beginnt dort, sich mit einem Teil ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen, der ihr bisher fremd geblieben ist. Diese Grundidee hat mich direkt angesprochen. Sie bietet viel Stoff für einen Roman über Identität, Erinnerung und familiäres Schweigen. Im Verlauf wurde für mich allerdings immer deutlicher, dass der Roman mehr Themen öffnet, als er auf seinen gut 230 Seiten wirklich ausarbeiten kann.
Cover und erster Eindruck
Das reduzierte Cover mit dem hellen Hintergrund und den violetten Wolken gefällt mir sehr. Gerade die etwas verschwommen wirkenden Wolken passen zum Motiv schwindender Erinnerungen. Auch der Titel hat durch das Wort „noch“ etwas Rückwärtsgewandtes. Er verweist auf eine Vergangenheit, in der etwas anders, vertrauter oder unbeschwerter war. Der Einstieg hat diesen Eindruck zunächst bestätigt. Feyi erfährt vom Tod ihrer Großmutter und beschäftigt sich weniger mit Trauer als mit der Frage, ob mit ihr etwas nicht stimmt, weil diese Trauer ausbleibt. Das fand ich psychologisch nachvollziehbar. Verwandtschaft schafft schließlich keine emotionale Nähe, wenn keine gemeinsame Beziehung existiert.
Inhalt, Plot und Logik
Von Lagos führt die Handlung Feyi nach München und Starnberg. Dort lernt sie Menschen aus dem Umfeld ihrer Tante Claudia kennen und erhält über die hinterlassenen Aufzeichnungen zunehmend Einblick in das Leben ihrer Großmutter. Dabei geht es unter anderem um deren Vergangenheit, familiäre Konflikte, Beziehungen, die deutsche Geschichte und ihre Alzheimererkrankung. Mein Hauptproblem mit dem Plot liegt weniger darin, was erzählt wird, sondern darin, wie viel auf engem Raum untergebracht wird. Auf eine Begegnung folgt eine kurze, neue Information, darauf ein Brief, anschließend ein weiteres Thema. Einige Motive tauchen kurz auf und verschwinden danach beinahe vollständig. Selbst Ereignisse, die das Verständnis der gesamten Familiengeschichte verändern, bekommen teilweise erstaunlich wenig Nachhall.
Zum Ende hin verstärkt sich dieser Eindruck. Neue Informationen über die Familie kommen hinzu, während gleichzeitig noch einmal ein weiterer schwerwiegender Konflikt eröffnet wird. Gerade dieser späte Handlungsstrang hat mich gestört, weil er emotional groß angelegt wird, der Roman aber kaum noch Zeit besitzt, daraus etwas zu entwickeln. Das Ende kam für mich deshalb weniger wie der Abschluss einer Entwicklung als wie das Ende einer Reihe von Stationen.
Stil und Sprache
Sprachlich ist der Roman leicht zugänglich. Die Sätze sind klar gebaut, die Handlung lässt sich gut verfolgen und auch die Wechsel zwischen Feyis Gegenwart und der Vergangenheit ihrer Großmutter sind verständlich. Gleichzeitig erzählt der Text häufig sehr erklärend. Beziehungen, Motive und emotionale Zustände werden eher benannt, als dass sie sich langsam aus Szenen, Dialogen oder Verhalten ergeben. Das beschleunigt die Handlung, nimmt ihr für mich aber auch Subtilität. Gerade bei einem Roman über Erinnerung und komplizierte Familienbeziehungen hätte ich mir häufiger Stellen gewünscht, an denen etwas unausgesprochen bleiben und sich erst nach und nach erschließen darf. Außerdem verwendet das Buch keine durchgehend gendergerechte Sprache. Mehrfach wird auf das generische Maskulinum zurückgegriffen.
Pacing und erzählerische Tiefe
Das Buch ist zwar ruhig erzählt, aber nicht langsam. Das ist für mich ein wichtiger Unterschied. Innerhalb kurzer Zeit werden zahlreiche Themen und Konflikte eingeführt, wodurch die Geschichte trotz ihrer ruhigen Grundstimmung ein hohes inhaltliches Tempo entwickelt. Genau daraus entsteht mein Eindruck einer Aneinanderreihung von Situationen und Briefen. Ein langsamer Familienroman braucht für mich keine große äußere Handlung, wenn dafür Beziehungen und innere Prozesse genau beobachtet werden. Hier fehlt mir häufig gerade dieser Raum zwischen zwei Ereignissen. Ein Gedanke entsteht, eine Information verändert etwas, aber bevor daraus eine spürbare innere Bewegung wird, folgt bereits die nächste Szene. Das betrifft auch gesellschaftliche Themen. Eine Bemerkung von Stephanie gegenüber Feyi, in der sie Afrika pauschalisiert und Feyi ungefragt einer stereotypen Vorstellung zuordnet, funktioniert für mich klar als Darstellung von Alltagsrassismus. Feyi empfindet die Situation als unangenehm und beschämend. Danach spielt dies jedoch kaum noch eine Rolle, auch andere Themen werden eher gesetzt als weiterverfolgt.
Psychologie der Figuren und Beziehungen
Am spannendsten fand ich zunächst Feyis Familie. Feyi beschreibt die Beziehung ihrer Eltern als ausgesprochen eng und erlebt sich selbst darin teilweise beinahe wie eine Dekoration. Sie fühlt sich gelegentlich vergessen oder ausgeschlossen. Auch ihre Beschreibung des Vaters ist aufschlussreich. Sie erlebt ihn als sehr harmoniebedürftig bzw. konfliktscheu und führt sogar die Stabilität der elterlichen Beziehung darauf zurück, dass er kaum widerspricht. Gleichzeitig hat die Mutter Feyi körperlich bestraft, während der Vater sich aus solchen Situationen offenbar weitgehend herausgehalten hat. Das wirft Fragen nach Schutz, Verantwortung und Konfliktvermeidung auf, die der Roman für meinen Geschmack jedoch kaum vertieft.
Noch wichtiger wurde für mich im Laufe der Handlung ein anderes Problem: Feyi bleibt als Hauptfigur emotional auffallend schwer greifbar. Das beginnt für mich nicht mit ihrer fehlenden Trauer um die Großmutter, denn dafür gibt es innerhalb ihrer Biografie einen nachvollziehbaren Grund. Schwieriger wird es, als sie nach und nach sehr persönliche und teilweise schwerwiegende Informationen über ihre Familie erfährt und trotzdem nur selten eine intensivere Reaktion zeigt.
Ich würde das nicht psychologisch als Affektarmut diagnostizieren. Als literarische Figur ist sie für mich aber ungewöhnlich reaktionsarm geschrieben. Häufig nimmt sie Informationen entgegen, ohne dass sichtbar wird, wie diese ihr Selbstbild, ihre Beziehungen oder ihren Blick auf ihre Familie verändern. Dadurch bleibt zwischen dem, was Feyi erfährt, und dem, was es mit ihr macht, eine Lücke.
Erinnerung, Alzheimer und Familiengeschichte
Zu den stärkeren Ansätzen gehören für mich die Passagen um die Großmutter und ihre Alzheimererkrankung. Teile ihrer Geschichte werden aus ihrer eigenen Perspektive vermittelt, wobei sie versucht, Erinnerungen festzuhalten, die ihr zunehmend entgleiten. Auch Claudia als Angehörige, die ihre demenziell erkrankte Mutter begleitet und pflegt, bringt eine zweite Perspektive auf die Erkrankung hinein. Hier hätte für mich auch das emotionale Zentrum des Romans liegen können. Die Großmutter schreibt gegen das Vergessen an, während Feyi diese Erinnerungen erst nach deren Tod erhält und dadurch eine Frau kennenlernt, zu der sie zu Lebzeiten keinerlei Beziehung hatte. Das ist ein sehr tragfähiges Motiv. Nur habe ich am Ende nicht das Gefühl, dass sich zwischen beiden wirklich eine Beziehung entwickelt. Ich erfahre mehr über die Großmutter, aber ich erlebe zu wenig davon, was dieses Wissen für Feyi bedeutet. Der Klappentext spricht vom „unsichtbaren Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart“. Für mich wird dieses Band eher oberflächlich beschrieben als emotional erfahrbar gemacht.
Herkunft und Zugehörigkeit
Feyis deutsch-nigerianische Familiengeschichte bietet auch einen eigenen Zugang zum Thema Identität. Sie wächst in Lagos auf, kennt Deutschland zunächst hauptsächlich über ihre Mutter und muss sich nach ihrer Reise mit einem Teil ihrer Herkunft auseinandersetzen, der innerhalb ihrer Familie lange kaum besprochen wurde. Dabei finde ich gelungen, dass Zugehörigkeit nicht allein über Abstammung definiert wird. Feyi ist mit ihrer deutschen Großmutter biologisch verbunden und fühlt zunächst trotzdem nichts für sie. Umgekehrt beginnt sie erst über deren Niederschriften Zugang zu dieser Seite ihrer Familie zu erhalten. Auch hier bleibt mir der Roman jedoch zu zurückhaltend. Gerade weil Feyi zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten lebt und zusätzlich mit Fremdzuschreibungen konfrontiert wird, hätte ich gern genauer erfahren, wie sie selbst ihre Zugehörigkeit versteht. Stattdessen wird das Thema mehrmals sichtbar, erhält aber keinen durchgehenden Entwicklungsbogen.
Feministische Aspekte
Aus feministischer Perspektive fällt vor allem auf, wie stark die Familiengeschichte über Beziehungen zwischen Frauen erzählt wird. Feyi versucht, sich einer Großmutter anzunähern, zu der ihre Mutter den Kontakt weitgehend abgebrochen hatte, während Claudia wiederum einen großen Teil der Pflege der an Alzheimer erkrankten Mutter übernimmt. Damit berührt der Roman auch die Frage, wie selbstverständlich Care Arbeit innerhalb von Familien bei Frauen landet und welche Belastungen daraus entstehen. Gleichzeitig werden mehrere Generationen von Frauen gezeigt, deren Beziehungen von Erwartungen an Mutterschaft, Loyalität, Sexualität und familiäres Schweigen geprägt sind. Gerade die mögliche Affäre der Großmutter und der Konflikt um Clyde zeigen, wie stark weibliche Sexualität noch über Schuld, Geheimhaltung und ihre Folgen für die Familie verhandelt wird. Ich hätte mir allerdings auch hier mehr Vertiefung gewünscht. Der Roman bietet mehrere Ansatzpunkte für eine Auseinandersetzung mit weiblichen Rollen, Selbstbestimmung und familiären Verpflichtungen, entwickelt daraus aber keinen klaren feministischen Schwerpunkt.
Fazit
„Als die Wolken noch süß waren“ bringt eine Ausgangsidee mit, die mich sehr angesprochen hat. Erinnerung, Alzheimer, Herkunft, familiäre Entfremdung und das nachträgliche Kennenlernen eines verstorbenen Menschen passen gut zusammen. Besonders die Aufzeichnungen der Großmutter und die Frage, wie Erinnerung verloren geht und zugleich weitergegeben werden kann, haben für mich Potenzial. Am Ende war mir die Umsetzung jedoch zu dünn. Der Roman möchte sehr viel erzählen und gibt dadurch nur wenigen Themen genügend Zeit. Vor allem Feyi bleibt mir zu fremd. Ich erfahre viel gemeinsam mit ihr, kann aber nur selten erkennen, wie diese Erfahrungen sie verändern. Dadurch fehlt mir das emotionale Zentrum, das die vielen einzelnen Geschichten miteinander verbinden würde. Ich vergebe 3 von 5 Sternen, da ich mit dem Gefühl aus dem Buch gegangen, viele Themen kennengelernt zu haben, aber keiner Figur wirklich nahegekommen zu sein.
| Kriterium | Wertung |
|---|---|
| Figuren | 6 |
| Worldbuilding | 6 |
| Handlung | 6 |
| Schreibstil und Sprache | 6 |
| Atmosphäre | 6 |
| Pacing und Spannung | 5 |
| Lesespaß | 5 |
Gesamtwertung: 57/100 Punkten
Geeignet für Leser:innen, die ruhige Familienromane über Herkunft, Erinnerung und generationenübergreifende Konflikte mögen und sich besonders für die Themen Alzheimer, familiäre Entfremdung und deutsch-nigerianische Familiengeschichten interessieren.
Weniger geeignet für Leser:innen, die psychologisch ausgearbeitete Figuren, nachvollziehbare emotionale Entwicklungen und eine vertiefte Auseinandersetzung mit familiären Konflikten erwarten. Auch wer Wert auf einen konzentrierten Handlungsaufbau legt, dürfte mit der Vielzahl nur angerissener Themen Schwierigkeiten haben.
Als die Wolken noch süß waren
Bunye Ngene
Ein leiser Roman über Familie, Herkunft und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Emotional zugänglich, für mich in der Ausarbeitung jedoch oft zu schnell und zu oberflächlich erzählt.
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