Die Psychologin liest: 111 Healthy Habits von Dr. Olivia Wartha und Dr. Susanne Kobel

28. Juli 2026

Niedrigschwelliger Einstieg in gesunde Gewohnheiten


„111 Healthy Habits“ ist ein Gesundheitsratgeber mit Schwerpunkt auf Gewohnheiten, Prävention und Selbstfürsorge im Alltag. Das Buch gehört nicht in die Kategorie eines wissenschaftlichen Sachbuchs im engeren Sinn, sondern versteht sich klar als praktischer Ratgeber. Es will keine umfassende Theorie der Gewohnheitsbildung entfalten und auch keine gesundheitspsychologische Fachlektüre ersetzen. Im Mittelpunkt stehen kurze Impulse, kleine Routinen und konkrete Anregungen für mehr Energie, Gesundheit und Zufriedenheit. Diese Einordnung ist wichtig, weil das Buch nicht versucht, akademischer zu wirken, als es ist. Es tritt zugänglich auf, arbeitet mit Symbolen, kurzen Kapiteln, Reflexionsfragen und konkreten Umsetzungsideen. Daran sollte man es auch messen. Als niedrigschwelliger Alltagsratgeber funktioniert es deutlich besser als als vertiefendes Buch über Motivation, Verhaltensänderung oder Gesundheitspsychologie.


Informationen über die Autorinnen

Dr. Olivia Wartha und Dr. Susanne Kobel kommen fachlich aus dem Umfeld der Gesundheitsförderung, Prävention und wissenschaftlichen Arbeit zu Bewegung, Ernährung, Mediennutzung, Entspannung und gesundheitsbezogenen Routinen. Dieser Hintergrund ist im Buch spürbar. Die Texte wirken weniger wie klassische Coaching Literatur und mehr wie pädagogisch aufbereitete Gesundheitsinformation. Man merkt den Autorinnen an, dass sie gewohnt sind, Inhalte verständlich zu strukturieren und in alltagsnahe Handlungsschritte zu übersetzen. Das ist eine Stärke des Buches. Es wirkt nicht esoterisch, nicht überdreht und nicht wie reine Wellness Rhetorik. Gleichzeitig bleibt der fachliche Hintergrund im Buch selbst eher im Hintergrund. Die Autorinnen nutzen ihre Expertise zur Auswahl und Ordnung der Themen, aber sie schreiben nicht im Stil eines wissenschaftlichen Fachbuchs.


Erster Eindruck

Mein erster Eindruck ist insgesamt wohlwollend. Das Buch ist schön aufgemacht, übersichtlich und angenehm zu benutzen. Es eignet sich gut zum Wiederreinlesen. Man kann es neben das Bett legen, auf dem Wohnzimmertisch liegen lassen oder zwischendurch aufschlagen, wenn man einen kleinen Impuls für den Alltag sucht. Die Struktur hilft dabei sehr. Die Kategorien sind sinnvoll gewählt, die einzelnen Vorschläge sind knapp beschrieben, und die Gestaltung macht das Buch zugänglich. Es wirkt nicht überladen und nicht streng. Man hat nicht das Gefühl, ein Programm abarbeiten zu müssen. Gleichzeitig zeigt sich recht schnell der größte Schwachpunkt: Viele der 111 Healthy Habits sind sehr naheliegend. Bei mindestens der Hälfte hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen diese Dinge ohnehin tun oder dass sie so basal sind, dass daraus kaum ein neuer Gedanke entsteht. Wasser trinken, spazieren gehen, Einkaufsliste schreiben, Zutatenlisten lesen, Pausen machen oder früher ins Bett gehen sind sinnvolle Hinweise. Nur tragen sie ein Buch mit 111 Impulsen nicht durchgehend.


Aufbau und Gestaltung

Der Aufbau gehört zu den größten Stärken des Buches. Am Anfang stehen einleitende Kapitel, in denen erklärt wird, was mit Healthy Habits gemeint ist, warum bestimmte Lebensfelder ausgewählt wurden und wie neue Gewohnheiten im Alltag etabliert werden können. Das ist kurz gehalten, aber verständlich. Danach folgt eine Übersicht über die Kategorien mit Seitenzahlen und Symbolen. Diese Symbole zeigen an, wofür ein bestimmter Habit hilfreich sein soll. Sie tauchen später bei den einzelnen Gewohnheiten wieder auf und geben schnelle Orientierung. Das ist praktisch, weil man das Buch nicht von vorne bis hinten lesen muss. Man kann gezielt nach Themen suchen oder beim Blättern hängen bleiben. Die Kapitel sind gleichmäßig aufgebaut. Der erste große Abschnitt heißt zum Beispiel „Balsam für die Seele“ und widmet sich Lebensfreude und Zufriedenheit. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführung. Danach folgen die einzelnen Gewohnheiten. Dort wird jeweils erklärt, was der Habit bedeutet, warum er sinnvoll sein soll und wie man ihn in den Alltag integrieren kann. Am Ende steht eine kurze Zusammenfassung auf einen Blick. Gut gefallen haben mir die Zwischenstopps am Ende der Kapitel. Dort finden sich kleine Aufgaben oder Reflexionsfragen. Diese Seiten lockern die Sammlung auf und sorgen dafür, dass man nicht nur einen Tipp nach dem anderen konsumiert. Sie regen dazu an, die eigenen Routinen zu prüfen: Was mache ich automatisch? Was tut mir wirklich gut? Wo laufe ich im Alltag auf Autopilot? Gerade diese Momente geben dem Buch mehr Substanz. Nach den 111 Healthy Habits folgt noch ein Kapitel dazu, wie neue Gewohnheiten wirklich übernommen werden können. Dort geht es um Routinen, Belohnung, kleine Schritte und das Dranbleiben. Für Menschen, die mit dem Thema noch wenig Berührung hatten, ist das ein gelungener Abschluss.


Sprache und Stil

Der Stil ist klarer Ratgeberton. Die Autorinnen schreiben direkt, freundlich und sehr handlungsorientiert. Sie nutzen die Du Ansprache, kurze Abschnitte, Kästen und wiederkehrende Strukturen. Das macht das Buch leicht lesbar und sehr zugänglich. Man merkt dem Stil die Nähe zu Gesundheitsförderung und pädagogischem Material an. Die Texte wollen nicht literarisch sein. Sie wollen erklären, erinnern und zur Umsetzung anregen. Das funktioniert in diesem Format gut. Stellenweise wirkt der Ton allerdings etwas normativ. Gesundes Verhalten erscheint manchmal als Frage von Planung, Wiederholung und Organisation. Das kann motivieren, kann bei Menschen mit Erschöpfung, psychischer Belastung oder chronischem Stress aber auch Druck erzeugen. Nicht jede Person kann den eigenen Alltag durch ein neues Abendritual, zehn Minuten Bewegung oder feste Pausenzeiten ohne Weiteres verändern. Positiv fällt die inklusive Sprache auf. Das Buch nutzt Formen wie Freund*innen und wirkt dadurch zeitgemäß. Gerade bei Gesundheitsratgebern ist das immer noch nicht selbstverständlich.


Inhalt

Inhaltlich ist das Buch gemischt. Die Kategorien sind nachvollziehbar, und die Vorschläge passen zu den Themenfeldern Gesundheit, Wohlbefinden und Alltag. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Entspannung, soziale Kontakte, Ordnung und Vereinbarkeit sind relevante Faktoren. Die Autorinnen greifen damit keine exotischen Themen auf, sondern genau jene Gewohnheiten, die im Alltag eine Rolle spielen. Die einzelnen Habits werden meist gut beschrieben. Man bekommt eine kurze Erklärung, eine kleine Begründung und Ideen zur Umsetzung. Das ist angenehm pragmatisch. Besonders für Menschen, die noch keinen systematischen Zugang zu gesunden Routinen haben, kann das hilfreich sein. Der Inhalt bleibt aber oft sehr basal. Viele Vorschläge sind richtig, aber nicht besonders inspirierend. Eine Einkaufsliste schreiben, Wasser trinken, Zutatenlisten lesen, mehr Bewegung einbauen oder Bildschirmpausen machen sind keine schlechten Tipps. Sie sind nur sehr bekannt. Wer sich beruflich oder privat schon länger mit Gesundheit, Selbstfürsorge, Gewohnheitsbildung oder Psychologie beschäftigt, wird an vielen Stellen wenig Neues finden. Das Buch gewinnt vor allem dort, wo es nicht nur empfiehlt, sondern zur Selbstbeobachtung anregt. Die Reflexionsfragen und Zwischenstopps sind deshalb wertvoller als viele der einzelnen Tipps. Dort entsteht der Moment, in dem man den eigenen Alltag nicht nur optimiert, sondern kurz anhält und prüft.


Quellen und wissenschaftlicher Anspruch

Der Umgang mit Quellen ist für mich ein klarer Kritikpunkt. Das Buch enthält gesundheitsbezogene Aussagen, die im Text nicht direkt belegt werden. Auf Seite 16 heißt es zum Beispiel sinngemäß, Healthy Habits können uns fit halten, unser Leben verbessern und sogar verlängern. Als Beispiel wird genannt, dass bereits 30 Minuten tägliches Spazierengehen die Lebenserwartung deutlich verlängern. Solche Aussagen sind plausibel und passen zu dem, was man aus der Gesundheitsforschung kennt. Im Text selbst steht an dieser Stelle aber keine konkrete Quellenangabe. Am Ende des Buches gibt es ein Kapitel mit „Studien zum Weiterlesen“. Diese Studien sind nach Themen sortiert, etwa Lebensfreude und Zufriedenheit, Bewegung und Aktivität oder gesunde Ernährung. Das ist besser als ein Ratgeber ohne jede Quellenarbeit. Trotzdem bleibt unklar, welche Studie welche konkrete Aussage stützt. Gerade bei Aussagen zur Lebenserwartung, psychischen Gesundheit oder körperlichen Wirkung hätte ich mir direkte Verweise gewünscht. Fairerweise weckt das Buch nicht die Erwartung, ein wissenschaftliches Sachbuch zu sein. Es tritt als Ratgeber auf und wird auch so vermarktet. Die Studien stehen eher als Hintergrundmaterial am Ende. Für dieses Format ist das nicht unüblich. Da die Autorinnen fachlich aus Gesundheitsförderung und Wissenschaft kommen, hätte eine genauere Zuordnung der Quellen dem Buch dennoch gutgetan.


Psychologische Einordnung
Psychologisch arbeitet das Buch vor allem mit kleinen Schritten, Selbstbeobachtung, Routinen, positiver Verstärkung und Alltagsstruktur. Es setzt darauf, dass Veränderungen leichter gelingen, wenn sie überschaubar bleiben und an bestehende Abläufe angebunden werden. Das passt zu vielen verhaltenspsychologischen und gesundheitspsychologischen Ansätzen. Gerade für Menschen mit Schwierigkeiten in der Tagesstruktur kann das Buch nützlich sein. Auch bei ADHS, depressiver Erschöpfung oder allgemeiner Überforderung können kleine Routinen als Anker dienen. Nicht als Ersatz für Therapie, sondern als niedrigschwellige Orientierung im Alltag. Ein Glas Wasser am Morgen, zehn Minuten rausgehen, eine feste Schlafroutine oder eine kurze Reflexionsfrage am Abend sind kleine Schritte, die weniger überfordern als große Veränderungspläne. Problematisch wird es dort, wo gesunder Alltag zu sehr als Frage individueller Organisation erscheint. Gewohnheiten hängen nicht nur von Motivation ab. Arbeit, Geld, Care Arbeit, Wohnsituation, psychische Stabilität, körperliche Einschränkungen und soziale Unterstützung spielen eine große Rolle. Diese strukturellen Faktoren bleiben im Buch eher am Rand. Das ist für einen leichten Ratgeber erwartbar, begrenzt aber die Tiefe.


Feministische Perspektive

Aus feministischer Sicht ist positiv, dass das Buch sprachlich inklusiv arbeitet und nicht in einen altmodischen Gesundheitston verfällt. Die Beispiele wirken nicht auffällig geschlechterstereotyp. Es geht um Privatleben, Beruf, Beziehungen, Ernährung, Schlaf und Selbstfürsorge, ohne Frauen explizit in die Rolle der dauernd zuständigen Alltagsmanagerin zu drängen. Kritisch bleibt die typische Ratgeberlogik individueller Verantwortung. Gerade bei Themen wie Ernährung, Schlaf, Bewegung und Vereinbarkeit liegt die Last schnell bei der einzelnen Person. Wer plant, trinkt, schläft, reflektiert und sich bewegt, lebt gesünder. Das stimmt in Teilen, blendet aber aus, wer überhaupt Zeit, Geld und emotionale Kapazität für solche Routinen hat. Care Arbeit, Schichtdienst, prekäre Arbeit, psychische Belastungen oder fehlender Wohnraum lassen sich nicht durch einen Habit lösen. Das Buch ist nicht moralisierend, aber es bleibt in einer Logik persönlicher Selbststeuerung. Für das Genre ist das typisch. Mitlesen sollte man es trotzdem.


Gestaltung und Nutzbarkeit

Die Gestaltung ist sehr gelungen. Das Buch ist übersichtlich, freundlich aufgemacht und gut lesbar. Die wiederkehrende Struktur hilft, schnell hineinzufinden. Man muss keine langen Kapitel lesen, sondern kann gezielt nach Impulsen suchen. Als Nachschlagebuch funktioniert es gut. Man schlägt eine Seite auf, liest einen Habit, denkt kurz über den eigenen Alltag nach und nimmt im besten Fall einen kleinen Impuls mit. Gerade die Kombination aus Symbolen, kurzen Erklärungen, Umsetzungsideen und Zwischenstopps macht das Buch angenehm nutzbar. Es eignet sich besonders für Menschen, die einen sanften Einstieg in gesündere Routinen suchen. Auch als Geschenk für Personen, die sich mehr Struktur oder kleine Impulse für den Alltag wünschen, passt es gut. Wer fachlich tiefer einsteigen will, wird eher unterfordert sein.


Fazit
„111 Healthy Habits“ ist ein schön gestalteter, zugänglicher und gut strukturierter Ratgeber. Die Autorinnen erklären ihre Vorschläge verständlich, die Kategorien sind sinnvoll, und die Zwischenstopps mit Reflexionsfragen geben dem Buch mehr Wert als eine reine Tippsammlung. Der größte Schwachpunkt liegt in der Auswahl der Gewohnheiten. Viele der 111 Habits sind sehr basal und wirken für Lesende mit Vorwissen wenig neu. Auch die Quellenarbeit bleibt hinter dem fachlichen Hintergrund der Autorinnen zurück, weil Studien zwar am Ende genannt, im Text aber nicht konkret zugeordnet werden. Als Einstieg und als Alltagsbuch funktioniert es gut. Als inhaltlich ergiebiger Gesundheitsratgeber bleibt es begrenzt. Für Menschen mit wenig Vorerfahrung, Problemen mit Tagesstruktur oder dem Wunsch nach kleinen Routinen kann es hilfreich sein. Wer sich mit Gesundheit, Psychologie oder Gewohnheitsbildung schon länger beschäftigt, findet einige gute Impulse, aber auch viel Bekanntes.


Für mich passt deshalb eine Bewertung von 3,5 von 5 Sternen: solide, schön aufgemacht und praktisch nutzbar, aber inhaltlich nicht durchgehend inspirierend.


111 Healthy Habits

Dr. Olivia Wartha und Dr. Susanne Kobel


Ein praxisnaher Ratgeber mit 111 kleinen Impulsen, die dabei helfen, gesunde Gewohnheiten Schritt für Schritt in den Alltag zu integrieren.


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