Die Psychologin liest: Wo die Nacht verweilt von A. B. Poranek
Slawische Folklore und alte Romantasy-Muster
54/100 Punkten · 2,5/5 Sterne
Spoilerwarnung: Diese Rezension enthält deutliche Spoiler zur Handlung, zur Vergangenheit des Leszy und zum Ende des Romans.
Einordnung ins Genre
"Wo die Nacht verweilt" von A. B. Poranek ist eine Young-Adult-Fantasy mit Gothic- und Romantasy-Elementen, die stark von slawischer, insbesondere polnischer Folklore geprägt ist. Der geheimnisvolle Wald, Geister und Dämonen, alte Legenden, ein lebendiges Haus und der Leszy als übernatürlicher Wächter geben dem Roman stellenweise den Charakter eines düsteren Märchens. Gleichzeitig greift die Geschichte zahlreiche bekannte Romantasy-Tropes auf: erzwungene Nähe, Mentor und Schülerin, der mächtige Beschützer, der emotional verschlossene Mann mit tragischer Vergangenheit, gemeinsame Verlusterfahrungen, verbotene Liebe und eine junge Frau, die lernen muss, ihre gefürchtete Magie anzunehmen. Gerade diese Mischung war für mich Fluch und Segen. Die folkloristische Seite mochte ich wesentlich lieber als die eigentliche Liebesgeschichte.
Erster Eindruck
Das Cover hat meine Erwartungen an das Buch ziemlich gut getroffen. Der dunkle Hintergrund, das Geweih eines Hirsches, die Pflanzen und die Mondsichel vermitteln sofort Wald, Tod, Magie und Folklore. Es wirkt eher wie düstere Märchenfantasy als wie typische Romantasy, was mir gefallen hat. Auch der Klappentext machte mich vor allem wegen Liskas Ausgangskonflikt neugierig. Sie möchte ihre Magie nicht beherrschen oder ausbauen, sondern loswerden, weil sie davon überzeugt ist, dass sie nur ohne diesen Teil ihrer selbst wirklich zu ihrer Gemeinschaft gehören kann. Psychologisch steckt darin von Beginn an viel Potenzial.
Inhalt und Plot
Liska wächst in einem kleinen Dorf auf, in dem Magie als gefährlich und verwerflich gilt. Schon als Kind lernt sie deshalb, ihre Fähigkeiten zu unterdrücken. Schließlich geht sie in den Wald, um eine Blume zu finden, die ihr die Magie nehmen soll. Dort begegnet sie dem Leszy, dem Wächter der Driada. Er bietet ihr einen Handel an: Wenn sie ein Jahr lang bei ihm bleibt und ihm dient, wird er ihr anschließend die Magie nehmen. Damit beginnt eine Geschichte, die für mich lange stärker von ihren Geheimnissen als von ihrer eigentlichen Haupthandlung getragen wird. Das lebendige Haus, der Geisterhund, die Vergangenheit des Leszy und die Frage, was mit seinen früheren Lehrlingen passiert ist, haben mich deutlich mehr gefesselt als die Liebesgeschichte zwischen ihm und Liska. Auch den Hausgeist Jaga mochte ich sehr: Ihre freche, provokante Art bringt eine Lebendigkeit in das Buch, die mir bei den beiden Hauptfiguren zeitweise gefehlt hat. Der Plot wirkte auf mich allerdings früh recht vorhersehbar. Schon nach den ersten Kapiteln lag nahe, dass Liska lernen würde, ihre Magie anzunehmen, dass sich zwischen ihr und dem Leszy eine Liebesgeschichte entwickeln würde und dass sie am Ende eine Rolle im Schutz des Waldes übernehmen würde. Ganz geradlinig verläuft die Geschichte zwar nicht, trotzdem konnte sie mich über weite Strecken kaum überraschen. Erst mit den Enthüllungen über Weles, Florian und die früheren Lehrlinge des Leszy bekam die Handlung für mich deutlich mehr Gewicht. Dass der Leszy bzw. Eliasz über Jahrhunderte sechs Lehrlinge geopfert hat und auch Liska ursprünglich für dieses Schicksal vorgesehen war, verändert seine Figur moralisch erheblich. Umso bedauerlicher fand ich, wie schnell der Roman anschließend wieder dazu übergeht, sein Leid, seine Schuld und seine Rettung in den Mittelpunkt zu stellen.
Stil und Sprache
Poranek erzählt sehr bildhaft, detailreich und stellenweise beinahe märchenhaft. Natur, Wald, Haus und übernatürliche Erscheinungen bekommen viel Raum, wodurch eine dichte, leicht entrückte Atmosphäre entsteht. Das passt hervorragend zur slawischen Folklore und gehört für mich zu den klaren Stärken des Romans. Gleichzeitig ist die Sprache teilweise sehr weitschweifig. Der Text nimmt sich viel Zeit für Beschreibungen und ruhige Szenen, was dann zum Problem wird, wenn die Figurenbeziehung nicht genug emotionale Spannung entwickelt, um dieses langsame Tempo zu tragen. Gerade in der Mitte des Romans hatte ich mehrfach das Gefühl, dass die Geschichte auf der Stelle tritt, obwohl sie atmosphärisch weiterhin funktioniert.
Worldbuilding - Im Kleinen dicht, im Großen erstaunlich leer
Beim Worldbuilding hatte ich einen ziemlich geteilten Eindruck. Das mikroskopische Worldbuilding funktioniert gut. Dämonen und Geister, Volksglaube, Rituale, religiöse Vorstellungen, einzelne Dörfer und die Driada ergeben eine anschauliche und stimmige Welt. Gerade die Folklore sorgt dafür, dass sich das Setting von vielen anderen Fantasyromanen abhebt und man sich Wald, Haus und die verschiedenen Wesen gut vorstellen kann.
Das makroskopische Worldbuilding bleibt dagegen auffallend dünn. Die größere Welt bekommt kaum Konturen. Wo genau befinden wir uns? Wie sieht die politische Ordnung aus? In welcher Zeit spielt die Geschichte genau? Welche gesellschaftlichen Strukturen gibt es jenseits der wenigen Dörfer? Wie funktioniert diese Welt außerhalb von Wald, Magie und Folklore? Der Blick bleibt sehr eng auf Liskas Heimat, die Driada und einige umliegende Orte gerichtet. Für ein märchenhaftes Setting passt diese Verknappung bis zu einem gewissen Grad, mir fehlte trotzdem das Gefühl, dass hinter dieser kleinen Bühne eine größere Welt existiert.
Pacing und Spannung
Das Erzähltempo ist langsam und stark atmosphärisch geprägt. Das wäre für mich kein Problem gewesen, wenn die zentrale Figurenbeziehung genügend Zug entwickelt hätte. Genau das war lange nicht der Fall. Die Beziehung zwischen Liska und dem Leszy hat mich emotional kaum erreicht, auch der Leszy selbst blieb für mich über weite Strecken eine bekannte Romantasy-Figur: mächtig, verschlossen, herablassend, gleichzeitig beschützend und natürlich mit tragischer Vergangenheit. Deutlich stärker waren für mich die Mystery-Elemente. Immer wenn das Haus, der Geisterhund, Florian oder die Vergangenheit des Leszy in den Vordergrund rückten, gewann die Geschichte. Diese Aspekte erzeugten bei mir deutlich mehr Neugier als die erwartbare romantische Annäherung.
Psychologische Tropes und Narrative: Wenn die Beziehung immer neue Gründe braucht, um zu funktionieren
Hier liegt für mich einer der größten Kritikpunkte des Romans. Zwischen Liska und dem Leszy kommen sehr viele bekannte Romantasy-Mechanismen zusammen. Sie ist zunächst von ihm abhängig, lebt bei ihm, darf sich nicht frei bewegen, wird von ihm trainiert und später auch gerettet. Er hilft ihr dabei, ihre blockierte Magie wieder zugänglich zu machen. Sie bonden über gemeinsame Trauer, er wird ihr Mentor, seine tragische Vergangenheit erklärt seine Verschlossenheit und schließlich kommt mit Weles auch noch eine übergeordnete Macht hinzu, die ihre Annäherung sanktioniert. Einzelne dieser Tropes hätten mich nicht gestört. In ihrer Häufung wirkte die Beziehung auf mich zunehmend konstruiert. Der Roman produziert immer neue Gründe, weshalb diese beiden einander näherkommen sollen, statt mich durch ihre tatsächliche Chemie, ihre Gespräche oder eine überzeugende Entwicklung davon zu überzeugen. Noch störender fand ich, dass viele dieser Muster kaum kritisch reflektiert werden. Der Leszy kontrolliert Informationen, entscheidet darüber, was Liska wissen darf, behandelt sie teilweise herablassend und zieht sich bei Konflikten zurück. Liska fragt nach, recherchiert, setzt Hinweise zusammen, versucht ihn zu verstehen und übernimmt immer wieder die emotionale Arbeit. Teilweise entschuldigt sogar sie sich, obwohl er zuvor die Kommunikation verweigert hat. Damit reproduziert der Roman ein sehr bekanntes romantisches Rollenbild: den emotional unzugänglichen, mächtigen Mann mit tragischer Vergangenheit und die Frau, die geduldig genug sein muss, um ihn zu verstehen und emotional zu erreichen. Gerade weil der Roman problematische Beziehungsmuster an anderer Stelle sehr klar benennen kann, hat mich das umso mehr gestört.
Psychologie der Figuren
Liska und die Frage, ob man sich verändern muss, um dazugehören zu dürfen
Liska fand ich psychologisch deutlich überzeugender als die Romance. Ihr starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit zieht sich durch die gesamte Geschichte. Sie hat früh gelernt, dass ihre Magie unerwünscht ist und dass sie sich anpassen muss, wenn sie Teil ihrer Gemeinschaft sein möchte. Daraus entsteht ein Selbstbild, in dem Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft ist: Wenn sie akzeptiert werden will, muss sie etwas Wesentliches an sich beseitigen. Die Erinnerung an den Tod ihres Vaters vertieft diesen Konflikt. Liska glaubt, ihn durch ihre Magie versehentlich getötet zu haben. Ihre Angst vor den eigenen Fähigkeiten speist sich damit nicht nur aus gesellschaftlicher Stigmatisierung, sondern auch aus Schuld und Verlust. Lange erlebt sie ihre Magie deshalb nicht als Ressource, sondern als etwas, das sie gefährlich und minderwertig macht. Besonders gelungen fand ich die spätere Konfrontation mit ihrer Mutter. Hier wird sehr deutlich, woher dieses Selbstbild kommt. Die Mutter spricht davon, alles versucht zu haben, um Liska trotz ihrer Fehler zu lieben und zu schützen. Darin steckt eine Form bedingter Zuwendung: Liska wird vermittelt, dass mit ihr etwas nicht stimmt und dass Liebe trotz dieses vermeintlichen Mangels gewährt wird. Gleichzeitig wird Kontrolle als Fürsorge umgedeutet. Liskas Reaktion darauf gehört für mich zu den stärksten Szenen des Romans. Sie weist diese Sichtweise zurück und benennt, dass sie kaum die Chance hatte, eine eigene Identität zu entwickeln, weil ihre Mutter alles unterdrückt hat, was nicht in deren Weltbild passte. Damit verschiebt sich ihre Perspektive endlich. Lange lautete ihre innere Überzeugung sinngemäß: Mit mir stimmt etwas nicht, deshalb muss ich mich verändern. Nun erkennt sie, dass auch die Art, wie andere mit ihr umgegangen sind, Teil des Problems war. Sehr glaubwürdig fand ich, dass die Mutter dadurch nicht plötzlich geläutert wird. Selbst als sie Liska und dem Leszy hilft, hält sie an ihrer Ablehnung fest und verlangt anschließend, dass sie wieder verschwinden. Sie erweitert ihren Horizont nicht, nur weil ihre Tochter sie mit den Folgen ihres Verhaltens konfrontiert. Gerade das wirkt psychologisch stimmig. Liskas Entwicklung braucht keine versöhnliche Mutter, sondern die Fähigkeit, deren Urteil nicht länger zum Maßstab für den eigenen Wert zu machen.
Eliasz, Weles und Kontrolle
Auch Eliasz bekommt später mehr Kontur. Seine Geschichte weist Parallelen zu Liska auf: Auch er wollte dazugehören und anerkannt werden und versuchte, dieses Bedürfnis dadurch zu lösen, dass er sich selbst veränderte. Seine Verbindung zu Weles verschafft ihm große Macht, bringt ihn aber gleichzeitig in ein extremes Abhängigkeitsverhältnis. Weles beansprucht ihn als Besitz, kontrolliert seine Bindungen und bestraft ihn, wenn er sich anderen Menschen nähert. Das lässt sich gut als extreme Form von Coercive Control lesen. Besonders aufschlussreich ist, dass Eliasz gegenüber Liska selbst Elemente jener Kontrolllogik reproduziert, unter der er leidet: Informationshoheit, Einschränkungen, paternalistisches Verhalten und die Regulierung von Nähe. Er gibt damit in abgeschwächter Form ein Beziehungsmuster weiter, dessen Opfer er selbst ist. Das erklärt sein Verhalten besser, entschuldigt es aber nicht. Auch seine Angst vor Bindung erhält durch Florian mehr Substanz. Eliasz hat bereits erlebt, dass emotionale Nähe für einen geliebten Menschen tödliche Folgen haben kann. Hinter seinem Rückzug steht deshalb mehr als die bloße Unfähigkeit zu kommunizieren. Gleichzeitig bleibt für mich die Frage, warum der Roman die Verantwortung für den Umgang mit dieser Verletzung trotzdem so oft bei Liska ablädt.
Feministische Aspekte: Wer trägt hier eigentlich die Beziehungsarbeit?
Gerade aus feministischer Perspektive bleibt bei mir viel Kritik hängen. Der Roman erzählt auf der einen Seite von einer jungen Frau, die lernen muss, ihre Identität gegen gesellschaftliche Erwartungen zu behaupten, reproduziert innerhalb der Romance aber gleichzeitig sehr traditionelle Geschlechterrollen. Liska übernimmt enorm viel Beziehungsarbeit. Sie fragt nach, deutet, recherchiert, versucht zu verstehen, kümmert sich, entschuldigt sich, hilft und rettet. Eliasz darf lange schweigen, sich zurückziehen, Informationen kontrollieren und trotzdem als verletzter, romantisch aufgeladener Mann inszeniert werden. Er trainiert sie, schützt sie und wird mehrfach zum Retter, während sie wiederum dafür zuständig ist, hinter seine Fassade zu gelangen und seine emotionale Geschichte zu entschlüsseln. Besonders deutlich wird das nach dem großen Reveal um seine früheren Opfer. Liska erfährt, dass Eliasz sechs Lehrlinge geopfert hat und auch sie ursprünglich eines seiner Opfer werden sollte. Sie reagiert verletzt und zieht sich zurück, doch der Roman lässt diese Grenzziehung nur kurz stehen. Sehr schnell geht es wieder um seine Schuld, seine guten Taten, sein Leiden und darum, wie er gerettet werden kann. Liska landet erneut in der Helferinnenrolle. Nach einem so massiven Vertrauensbruch hätte ich mir gewünscht, dass ihre Wut und ihre Verletzung mehr Gewicht bekommen. Umso stärker sind für mich die Szenen mit ihrer Mutter, weil der Roman dort genau das schafft, was mir in der Romance fehlt: Er zeigt ein toxisches Muster, benennt seine Folgen und lässt Liska es klar zurückweisen.
Das Ende: Zugehörigkeit gefunden, aber wirklich etwas Eigenes geschaffen?
Eliasz übernimmt am Ende immerhin selbst Verantwortung und opfert sich. Der Roman inszeniert diesen Moment deutlich als Heldentat und Abschluss seines Läuterungsbogens. Emotional funktioniert das, moralisch blieb mir die Entlastung trotzdem etwas zu glatt. Ein letzter selbstloser Akt hebt sechs geopferte Menschen und die ursprüngliche Absicht, auch Liska zu töten, nicht auf. Positiv ist allerdings, dass er am Ende selbst handelt und die Verantwortung nicht erneut bei ihr landet. Liskas Abschluss sehe ich ebenfalls zwiespältig. Sie kehrt nicht dauerhaft in eine Gemeinschaft zurück, die sie nur unter Bedingungen akzeptieren wollte. Stattdessen bleibt sie in der Driada, übernimmt die Funktion des Leszy und schafft dort einen Ort, an dem Menschen und Geister leben dürfen, die anderswo keinen Platz finden. Das passt sehr schön zu ihrer eigenen Geschichte. Ausgerechnet die Frau, die ihr Leben lang um Zugehörigkeit gekämpft hat, schafft nun Zugehörigkeit für andere. Trotzdem hätte ich mir für sie einen eigenständigeren Neubeginn gewünscht. Ihre Selbstfindung endet letztlich damit, dass sie Eliasz' Funktion, seinen Wald und sein Werk übernimmt. Nach einer Geschichte, die so stark davon handelt, eine eigene Identität zu entwickeln, hätte es für mich besser gepasst, wenn Liska am Ende deutlicher etwas Eigenes aufgebaut hätte. Auch der Hirsch hält Eliasz symbolisch weiterhin sehr präsent.
Auffällig nah an "The Ancient Magus’ Bride"
Schon beim Cover musste ich sofort an den Animé "The Ancient Magus’ Bride" denken und mit der Handlung wurden die Parallelen eher deutlicher als kleiner: Eine junge Frau gerät in die Abhängigkeit eines jahrhundertealten, übernatürlichen Wesens mit auffälliger Geweih- beziehungsweise Schädelästhetik, lebt fortan in dessen Haus, wird von ihm in Magie unterrichtet und entwickelt trotz eines erheblichen Machtgefälles eine romantische Beziehung zu ihm. Beide Romane verbinden diese Konstellation mit Naturmagie, Geistern, folkloristischen Wesen und einem männlichen Protagonisten, der menschliche Nähe nur eingeschränkt versteht. Und dann heißt der Leszy vor seiner Verwandlung auch noch Eliasz, während sein Gegenstück in "The Ancient Magus’ Bride" Elias Ainsworth heißt. Das sind für mich so viele Überschneidungen in Optik, Figurenkonstellation, Beziehung und sogar Namensgebung, dass sich der Vergleich beim Lesen kaum vermeiden ließ.
Fazit
"Wo die Nacht verweilt" hatte für mich deutlich bessere Einzelteile als ein überzeugendes Gesamtbild. Die slawische Folklore, das lebendige Haus, der Geisterhund, Jaga mit ihrer frechen Art und die bildhafte, märchenhafte Sprache haben mich immer wieder bei der Geschichte gehalten. Besonders Liskas Auseinandersetzung mit ihrer Mutter und die psychologische Entwicklung ihres Selbstbildes fand ich später wirklich gelungen. Auch die Verbindung zwischen Eliasz und Weles bietet mit Kontrolle, Abhängigkeit und weitergegebenen Beziehungsmustern mehr psychologische Tiefe, als ich dem Leszy zu Beginn zugetraut hatte. Die eigentliche Romance hat mich dagegen kaum erreicht. Zu viele bekannte und teilweise problematische Romantasy-Tropes werden übereinandergeschichtet, ohne dass der Roman sie ausreichend kritisch hinterfragt. Dazu kommen eine für mich vorhersehbare Entwicklung, ein lange wenig reizvoller männlicher Hauptcharakter und ein makroskopisches Worldbuilding, das trotz der atmosphärisch gelungenen Folklore erstaunlich dünn bleibt. Zusätzlich haben sich für mich die Parallelen zu The Ancient Magus’ Bride im Verlauf immer weiter verdichtet. Figurenkonstellation, Machtgefälle, Mentor-Schülerin-Dynamik, Naturmagie, die Schädel und Geweihästhetik des männlichen Protagonisten und sogar die Namen Eliasz beziehungsweise Elias liegen auffällig nah beieinander. Die Ähnlichkeiten sind so zahlreich, dass sich der Vergleich für mich kaum noch als bloßer Zufall wegwischen lässt. Ich vergebe 2,5 von 5 Sternen für ein atmosphärisches Fantasy-Märchen mit einigen psychologisch sehr gelungenen Momenten, das sich ausgerechnet mit seiner zentralen Liebesgeschichte selbst im Weg steht.
| Kriterium | Wertung |
|---|---|
| Figuren | 4 |
| Worldbuilding | 4 |
| Handlung | 5 |
| Schreibstil und Sprache | 7 |
| Atmosphäre | 9 |
| Pacing und Spannung | 4 |
| Lesespaß | 5 |
Gesamtwertung: 54/100 Punkten
Geeignet für: Leser:innen, die die atmosphärische Fantasy mit slawischer Folklore, märchenhafter Sprache, düsteren Waldmotiven und psychologisch nachvollziehbaren Themen rund um Zugehörigkeit, Schuld und Selbstannahme mögen.
Eher nicht geeignet für: Leser:innen, die eine überzeugend entwickelte Romance, hohes Erzähltempo, überraschende Wendungen und ein umfassend ausgearbeitetes Worldbuilding erwarten oder sich an deutlichen Machtgefällen und problematischen Beziehungsmustern stören.
Wo die Nacht verweilt
A. B. Poranek
Ein atmosphärischer Fantasyroman, der slawische Folklore, Magie und eine düstere Waldwelt miteinander verbindet. Im Mittelpunkt steht Liska, die ihre Kräfte loswerden will und dabei einen Handel mit dem geheimnisvollen Leszy eingeht.
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