Die Psychologin liest: Und alle so still von Mareike Fallwickl

9. Juni 2026

Wenn Erschöpfung zum stillen Protest wird


Mareike Fallwickls Und alle so still hat mich beeindruckt, gleichzeitig aber auch teilweise verstört zurückgelassen. Das Buch ist sprachlich eindringlich, psychologisch dicht und gesellschaftlich extrem unangenehm präzise. Besonders auffällig ist dabei, wie explizit Sexualität dargestellt wird. Manche Szenen waren für mich fast schon zu direkt oder bewusst provozierend geschrieben. Gleichzeitig hatte ich aber nie das Gefühl, dass diese Explizitheit reine Provokation sein soll. Sexualität wird hier vielmehr als psychologisches Symptom gezeigt: als Ausdruck von Bedürftigkeit, Macht, Selbstverlust, Anpassung und emotionaler Entfremdung.


Genau darin liegt für mich die größte Stärke des Romans. Hinter der gesellschaftlichen Ebene steckt eigentlich eine permanente psychologische Untersuchung davon, was passiert, wenn Menschen – insbesondere Frauen – nur noch über Funktionieren, Verfügbarkeit und emotionale Fürsorge definiert werden. Der Roman beschreibt nicht einfach Erschöpfung, sondern einen Zustand chronischer innerer Überforderung, in dem die Figuren kaum noch Zugang zu den eigenen Bedürfnissen haben.

Besonders eindrücklich fand ich die Darstellung weiblicher Sozialisation. Viele Figuren wirken, als hätten sie verinnerlicht, dass ihr Wert davon abhängt, wie viel sie leisten, aushalten oder emotional tragen können. Dadurch entsteht eine fast depressive Grundatmosphäre: Niemand darf zusammenbrechen, obwohl eigentlich längst alle erschöpft sind. Psychologisch erinnert das stark an Konzepte wie emotionalen Burnout, Selbstobjektivierung und chronische Überanpassung.


Vor allem Elin fand ich in dieser Hinsicht spannend. Ihre Sexualität wirkt oft weniger selbstbestimmt als vielmehr performativ – fast so, als würde sie sich permanent durch den Blick anderer definieren. Nähe scheint für sie häufig mit Bestätigung verwechselt zu werden. Dadurch wirken manche sexuellen Szenen gleichzeitig intensiv und leer. Der Roman zeigt sehr gut, wie schwer es sein kann, eigene Grenzen überhaupt wahrzunehmen, wenn Anerkennung und Begehrtheit zum zentralen Bestandteil des Selbstwerts geworden sind.


Auch Ruth ist psychologisch stark gezeichnet. Sie verkörpert dieses klassische Muster der emotional überverantwortlichen Frau, die ihren eigenen Wert fast nur noch aus Fürsorge zieht. Gerade dadurch wird ihre Erschöpfung so nachvollziehbar. Der Roman beschreibt sehr eindringlich, wie Menschen irgendwann nicht mehr aktiv rebellieren, sondern innerlich einfach aufhören zu funktionieren.



Was das Buch für mich so wirkungsvoll macht, ist die Verbindung aus persönlicher Psyche und gesellschaftlicher Ebene. Die Figuren sind nicht isoliert krank oder „kaputt“, sondern reagieren auf ein System, das emotionale Ausbeutung normalisiert. Dadurch fühlt sich die Geschichte trotz ihrer dystopischen Elemente unangenehm realistisch an.

Insgesamt fand ich Und alle so still psychologisch extrem interessant und emotional sehr intensiv. Kein leichtes Buch und sicherlich nicht für jede Person geeignet – gerade wegen der expliziten Sexualität und der permanenten emotionalen Schwere. Aber genau diese Schonungslosigkeit macht den Roman letztlich so eindrucksvoll.


von Karina Haufe 9. Juni 2026
Wissenschaftlich fundierter und zugleich zugänglicher Ratgeber, der weit über oberflächliche Beziehungstipps hinausgeht
von Karina Haufe 9. Juni 2026
Zu konstruiert, um wirklich zu berühren
von Karina Haufe 8. Juni 2026
Triggerwarnung: Dieses Buch behandelt unter anderem psychische und körperliche Gewalt, emotionale Manipulation, Mobbing, Vernachlässigung, toxische Freundschaften und familiäre Konflikte. Außerdem werden Themen wie Verlust, Trauer, Abhängigkeit, Machtmissbrauch und psychische Belastungen dargestellt. Die Schilderungen können bei manchen Leser:innen belastende Gefühle auslösen.