Die Psychologin liest: Die anderen sind das weite Meer von Julie von Kessel

9. Juni 2026

Zu konstruiert, um wirklich zu berühren


Die andern sind das weite Meer liest sich sehr schnell und flüssig, bleibt dabei aber seltsam distanziert. Der Roman behandelt eigentlich schwere und emotionale Themen wie Demenz, Krankheit, familiäre Entfremdung, Schuld und verdrängte Konflikte, trotzdem bin ich mit den Figuren nie wirklich warm geworden. Viele Charaktere wirkten eher wie Stellvertreter bestimmter psychologischer oder familiärer Dynamiken als wie eigenständige Menschen mit widersprüchlichen Innenwelten. Besonders auffällig fand ich, dass vieles stark über Funktion erzählt wird: Die Figuren tragen Traumata, Sprachlosigkeit oder unerfüllte Erwartungen mit sich herum, bleiben dabei aber emotional oft schwer greifbar.


Gerade die familiären Beziehungen hätten eigentlich enormes psychologisches Potenzial gehabt. Der Roman arbeitet viel mit unausgesprochenen Konflikten, generationsübergreifender Distanz und dem typischen Motiv emotionaler Verdrängung innerhalb dysfunktionaler Familien. Man spürt ständig, dass die Figuren aneinander vorbeileben, unfähig sind, ehrlich zu kommunizieren oder alte Verletzungen wirklich zu benennen. Das erzeugt zwar eine melancholische Grundstimmung, führte bei mir aber auch dazu, dass viele Beziehungen eher behauptet als tatsächlich spürbar wirkten. Statt emotionaler Nähe entstand häufig eine Art beobachtende Distanz.


Dazu kam, dass die Handlung auf mich zunehmend konstruiert wirkte – als würden möglichst viele familiäre Krisen gleichzeitig zusammengeführt werden, um emotionale Intensität zu erzeugen. Krankheit, Demenz, Schuld, familiäre Entfremdung und biografische Brüche verdichten sich stellenweise so stark, dass es weniger wie organische Charakterentwicklung und mehr wie eine Ansammlung literarischer Belastungsmotive wirkte. Teilweise erinnerte mich das an moderne Gegenwartsliteratur, die stark auf Atmosphäre, stille Traurigkeit und zwischenmenschliche Zerbrechlichkeit setzt, dabei aber vergisst, den Figuren genug individuelle Schärfe zu geben.


Interessant fand ich allerdings, wie konsequent das Buch mit emotionaler Sprachlosigkeit arbeitet. Fast niemand sagt offen, was wirklich gedacht oder gefühlt wird. Erinnerungen bleiben fragmentarisch, Beziehungen diffus, Nähe wird eher angedeutet als gelebt. Vermutlich ist genau diese emotionale Kälte auch ein bewusstes Stilmittel und soll die innere Erschöpfung der Figuren widerspiegeln. Für mich hatte das allerdings den Nebeneffekt, dass der Roman emotional erstaunlich kühl blieb, obwohl er eigentlich von hoch emotionalen Themen handelt.



Sprachlich ist das Buch solide, ruhig und angenehm lesbar. Die kurzen, klaren Sätze und die zurückhaltende Erzählweise sorgen dafür, dass man schnell durch die Handlung kommt. Emotional hat mich der Roman aber deutlich weniger erreicht, als ich bei den Themen erwartet hätte.


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Triggerwarnung: Dieses Buch behandelt unter anderem psychische und körperliche Gewalt, emotionale Manipulation, Mobbing, Vernachlässigung, toxische Freundschaften und familiäre Konflikte. Außerdem werden Themen wie Verlust, Trauer, Abhängigkeit, Machtmissbrauch und psychische Belastungen dargestellt. Die Schilderungen können bei manchen Leser:innen belastende Gefühle auslösen.