Die Psychologin liest: Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl

8. Juni 2026

Triggerwarnung:
Dieses Buch behandelt unter anderem psychische und körperliche Gewalt, emotionale Manipulation, Mobbing, Vernachlässigung, toxische Freundschaften und familiäre Konflikte. Außerdem werden Themen wie Verlust, Trauer, Abhängigkeit, Machtmissbrauch und psychische Belastungen dargestellt. Die Schilderungen können bei manchen Leser:innen belastende Gefühle auslösen.

Du gehörst mir – Macht, Abhängigkeit und emotionale Gewalt


Mit Dunkelgrün fast schwarz legt Mareike Fallwickl einen Roman vor, der sich nur oberflächlich als Geschichte über Freundschaft, Jugend und Wiederbegegnung lesen lässt. Tatsächlich entfaltet sich darunter eine beklemmende psychologische Studie über emotionale Vereinnahmung, Bindungstraumata und die zerstörerische Macht früher Beziehungserfahrungen. Während ihre späteren Werke stärker gesellschaftspolitisch und explizit feministisch auftreten, arbeitet Fallwickl hier subtiler: Das Politische liegt weniger in programmatischen Aussagen als in den Dynamiken zwischen Menschen und den Machtstrukturen innerhalb von Beziehungen.


Einordnung: Zwischen psychologischem Roman und Beziehungsdrama


Genretechnisch lässt sich Dunkelgrün fast schwarz am ehesten als psychologischer Gegenwartsroman mit Elementen eines literarischen Beziehungs- und Entwicklungsromans einordnen. Gleichzeitig besitzt das Buch beinahe thrillerartige Qualitäten. Nicht, weil spektakuläre Ereignisse im Mittelpunkt stünden, sondern weil eine konstante Bedrohung spürbar bleibt. Bereits früh entsteht ein Gefühl unterschwelliger Gefahr – etwas stimmt mit Rafael nicht, lange bevor die Figuren oder Leser:innen begreifen, was genau.


Die verschiedenen Zeitebenen – Kindheit um 2001 und Gegenwart 2017 – verstärken dieses Gefühl. Vergangenheit erscheint hier nicht als abgeschlossene Erinnerung, sondern als psychischer Resonanzraum. Die Kindheit endet nie wirklich; sie schreibt sich fort in Beziehungen, Verhaltensmustern und Ängsten.


Im Vergleich zu Fallwickls späterem Roman Und alle so still wirkt Dunkelgrün fast schwarz intimer und stärker auf einzelne Figuren fokussiert. Während Und alle so still patriarchale Strukturen offen analysiert, untersucht Dunkelgrün fast schwarz eher die Mikroebene: die psychologischen Mechanismen, durch die Macht entsteht. Im späteren Die Wut, die bleibt werden feministische Fragestellungen wesentlich expliziter und gesellschaftskritischer ausgearbeitet. Rückblickend erscheint Dunkelgrün fast schwarz fast wie ein psychologischer Vorläufer: Viele Themen – weibliche Anpassung, emotionale Unsichtbarkeit und asymmetrische Machtverhältnisse – sind bereits vorhanden, nur leiser erzählt.


Psychologie der Figuren: Ein Roman über Bindung und Grenzverletzung


Die größte Stärke des Romans liegt in seiner Figurenpsychologie. Selten wurde toxische Bindung so präzise und gleichzeitig so unangenehm dargestellt.


Besonders Moritz erscheint psychologisch äußerst glaubwürdig. Bereits als Kind übernimmt er die Aufgabe, Rafael emotional zu regulieren. Schon mit acht Jahren besänftigt er dessen Wutausbrüche, schützt andere Kinder und versucht, Situationen zu entschärfen. Aus psychologischer Perspektive erinnert dies stark an Parentifizierung: Ein Kind übernimmt Verantwortung für emotionale Zustände anderer Menschen, statt eigene Bedürfnisse entwickeln zu dürfen. Moritz wird dadurch zum emotionalen Puffer seiner Umgebung. Auffällig ist, dass sich dieses Muster durch sein gesamtes Leben zieht. Er ist konfliktscheu, nicht authentisch und scheint kaum zu wissen, was er selbst eigentlich möchte. Menschen geschehen ihm eher, als dass er aktiv Entscheidungen trifft.


Interessant ist, dass dieses Muster bereits bei seiner Mutter Marie sichtbar wird. Auch sie wirkt passiv, lässt Ereignisse über sich ergehen und hat Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen. Sowohl gegenüber Sabrina als auch gegenüber ihrer übergriffigen Schwiegermutter Brigitte gelingt Abgrenzung erst, nachdem Grenzen bereits massiv überschritten wurden. Es entsteht beinahe ein transgenerationales Muster: Anpassung wird weitergegeben. Besonders erschütternd ist dabei die Erkenntnis am Ende des Romans, als Moritz versteht, dass seine Mutter über Jahre eine Art menschlicher Schutzschild zwischen ihm und Rafael war. Erst rückblickend erkennt er ihre Funktion.


Rafael: Narzisst, Traumatisierter oder Psychopath?


Die komplexeste Figur bleibt Rafael. Zunächst scheint eine einfache Diagnose nahezuliegen: Narzissmus. Rafael manipuliert, kontrolliert, entwertet andere Menschen und behandelt Beziehungen wie Besitzverhältnisse. Der Satz „Du gehörst mir“ könnte über seiner gesamten Figur stehen. Doch der Roman macht es sich bewusst schwer. Bereits als Kleinkind zeigt Rafael massive Auffälligkeiten. Er quält seinen kleinen Bruder Samuel, beißt, schlägt, tritt und scheint anderen Menschen bewusst Leid zufügen zu wollen. Selbst Sabrina berichtet später, sie habe bereits früh gespürt, dass „etwas nicht stimmt“. Hier entsteht fast zwangsläufig eine verstörende Frage: Handelt es sich tatsächlich nur um Bindungsstörungen oder Traumafolgen? Oder beschreibt der Roman einen Menschen mit stark psychopathischen Persönlichkeitszügen? Es fällt auf, wie vorsichtig man mit solchen Zuschreibungen sein müsste. Literatur darf Zuspitzungen vornehmen, dennoch bleibt die Frage interessant, weil Rafael weniger impulsiv oder emotional instabil wirkt als strategisch. Er beobachtet Menschen, erkennt ihre Schwachstellen und passt sich an. Nähe scheint für ihn kein gegenseitiger Raum zu sein, sondern ein Instrument. Gleichzeitig offenbart er später seine Sehnsucht nach Moritz' Mutter und gesteht seinen Neid auf die Fürsorge, die Moritz erhielt. Der Roman öffnet damit bewusst die Henne-Ei-Frage: Wurde Rafael so, weil ihm Bindung fehlte – oder fehlte ihm Bindung, weil andere seine Andersartigkeit früh wahrnahmen? Eine endgültige Antwort verweigert Fallwickl. Und gerade das macht die Figur so beunruhigend.


Johanna: Trauma-Bindung und Selbstauflösung


Noch schwerer auszuhalten als Rafael selbst ist die Beziehung zwischen Rafael und Johanna. Zwischen beiden entsteht ein permanentes Katz-und-Maus-Spiel – allerdings bestimmt nur einer die Regeln. Rafael kontrolliert Nähe und Distanz vollständig. Er entscheidet, wann sie kommen darf, wann sie gehen muss und wie viel Nähe erlaubt ist. Dieses Muster erinnert stark an intermittierende Verstärkung: Unregelmäßige Zuwendung erzeugt paradoxerweise besonders starke emotionale Bindungen. Johanna entwickelt zunehmend obsessive Züge. Sie nimmt Haare aus seiner Bürste mit, sammelt Kleidungsstücke und scheint ihre gesamte Identität um Rafael herum aufzubauen. Die Darstellung ihrer sexuellen Beziehung gehört zu den schwer erträglichen Passagen des Romans. Formal scheint eine Art BDSM-Dynamik vorzuliegen, allerdings ohne zentrale Merkmale gesunder Konsensstrukturen: Es gibt keine sichtbaren Regeln, keine Sicherheit, keine Gleichberechtigung. Stattdessen wirkt Sexualität wie ein weiteres Machtinstrument. Johanna rationalisiert ihre Unterordnung beinahe verzweifelt: Nur sie könne Rafael geben, was er brauche. Gerade diese Selbstrechtfertigungen wirken erschreckend realistisch. Psychisch stabile Menschen mit gefestigtem Selbstwert geraten selten zufällig in solche Dynamiken. Deshalb wirkt die spätere Offenlegung ihrer Vorgeschichte nachvollziehbar: Verletzlichkeit und frühere Traumatisierungen scheinen sie besonders anfällig gemacht zu haben. Tragisch bleibt, dass sie – anders als Moritz – nie wirklich entkommt.


Feministische Perspektive: Unsichtbare Anpassungsarbeit


Feministisch interessant wird der Roman vor allem dort, wo er weibliche Anpassungsleistungen sichtbar macht. Auffällig viele Frauenfiguren ordnen sich unter: Marie macht mit. Johanna macht mit. Sabrina erträgt. Selbst Brigitte reproduziert Grenzüberschreitungen weiter. Besonders Marie wirkt beinahe exemplarisch für weibliche Sozialisation: Dinge passieren ihr, selten initiiert sie selbst etwas. Schon das Kennenlernen ihres späteren Mannes Alexander geschieht auffällig passiv. Auch Alexander greift kaum ein, wenn seine Mutter Brigitte Grenzen überschreitet. Frauen übernehmen emotionale Arbeit, schützen andere und tragen Belastungen — oft ohne selbst geschützt zu werden. Gleichzeitig kritisiert Fallwickl nicht ausschließlich Männer. Sabrina zeigt, dass auch Frauen toxische Dynamiken weitergeben können. Gerade diese Ambivalenz macht die feministische Dimension überzeugend.


Fazit


Mich hat vor allem irritiert – im positiven Sinn –, wie präzise das Buch psychische Verstrickungen beschreibt. Selten hatte ich beim Lesen so stark das Gefühl, keine klassische Handlung zu verfolgen, sondern psychologische Prozesse zu beobachten. Teilweise war das Lesen fast körperlich unangenehm. Besonders Rafael erzeugte ein Gefühl permanenter Unsicherheit. Man wartet ständig auf eine Eskalation. Manche Aspekte wirken stark zugespitzt. Vor allem Rafaels frühe Grausamkeit und seine fast vollständige emotionale Kälte erscheinen teilweise eher wie eine literarische Konstruktion als psychologisch realistische Alltagsdarstellung. Dennoch funktioniert die Figur gerade wegen ihrer Radikalität. Am stärksten bleibt letztlich die Erkenntnis, dass der Roman nicht von einem „bösen Menschen“ erzählt, sondern davon, wie ganze Systeme Menschen in Rollen zwingen: den Retter, die Dulderin, die Angepasste, die Abhängige. Dunkelgrün fast schwarz hinterlässt kein Gefühl von Auflösung oder Katharsis. Eher das beklemmende Gefühl, einen Blick auf Dynamiken geworfen zu haben, die erschreckend real existieren. 


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