Die Psychologin liest: Wenn es besser ist zu gehen von Dr. Carlotta Welding
Wissenschaftlich fundierter und zugleich zugänglicher Ratgeber, der weit über oberflächliche Beziehungstipps hinausgeht
Das Buch Wenn es besser ist zu gehen von Carlotta Welding ist ein bemerkenswert klar strukturierter und zugleich einfühlsamer Ratgeber, der sich einem der schwierigsten Themen im Leben widmet: der Frage, wann es sinnvoll ist, eine Beziehung zu beenden. Die Autorin schafft es, psychologische Tiefe mit praktischer Anwendbarkeit zu verbinden – und genau darin liegt die besondere Stärke dieses Buches.
Im Kern begleitet das Buch Leserinnen und Leser durch den emotional und kognitiv komplexen Prozess der Trennungsentscheidung. Es beleuchtet typische Dynamiken in Beziehungen, zeigt auf, warum Menschen trotz Unzufriedenheit oft bleiben, und bietet fundierte Entscheidungsgrundlagen. Dabei verbindet Welding wissenschaftliche Erkenntnisse mit anschaulichen Beispielen und konkreten Reflexionsübungen. Ziel ist es, zu mehr Klarheit, Selbstverständnis und letztlich zu einer stimmigen Entscheidung zu gelangen – unabhängig davon, ob diese für oder gegen die Beziehung ausfällt.
Ein herausragendes Element ist die wissenschaftliche Fundierung, insbesondere in Kapitel 5. Die Einbindung von Forschung – etwa zu Bindungsdynamiken und Entscheidungsprozessen, wie sie beispielsweise von Stephanie Spielmann untersucht wurden – verleiht dem Buch eine beeindruckende Tiefe. Diese Studien werden nicht abstrakt dargestellt, sondern verständlich übersetzt und direkt auf die Lebensrealität angewendet. Dadurch entsteht ein solides Gefühl von „Das hat Hand und Fuß“ – ohne dass die Lesbarkeit leidet.
Sehr hilfreich ist auch die klare Differenzierung zwischen Verlustangst und Angst vor dem Alleinsein. Diese beiden oft vermischten Gefühle werden sauber auseinandergearbeitet, was in der Praxis enorm entlastend sein kann. Viele Menschen verwechseln die Angst vor dem konkreten Verlust einer bestimmten Person mit einer generellen Furcht vor Einsamkeit – Welding zeigt hier präzise Unterschiede auf und hilft dabei, die eigenen Emotionen besser einzuordnen.
Kapitel 3 überzeugt durch die differenzierte Betrachtung von antizipierenden versus antizipierten Gefühlen. Dieser scheinbar feine Unterschied hat große praktische Relevanz: Wie fühlen wir uns jetzt, wenn wir an eine mögliche Trennung denken (antizipierend)? Und wie glauben wir, uns später zu fühlen (antizipiert)? Diese Unterscheidung ist in der therapeutischen und beratenden Praxis ein häufiges Thema – und wird hier außergewöhnlich klar und greifbar erklärt. Das schafft echte Aha-Momente.
In Kapitel 4 widmet sich die Autorin dem wichtigen Aspekt der Identitätsstiftung durch Beziehungen sowie dem investierten Einsatz (Zeit, Emotionen, gemeinsame Geschichte). Besonders gelungen ist hier die sensible Darstellung, wie stark Beziehungen Teil der eigenen Identität werden können – und warum es deshalb so schwer fällt, sie loszulassen. Gleichzeitig wird das Konzept des „Investments“ differenziert betrachtet, ohne in die klassische Kosten-Nutzen-Falle zu geraten. Das wirkt reflektiert und lebensnah.
Ein weiterer großer Pluspunkt ist die Vielzahl an Fragebögen und Reflexionsfragen. Diese sind nicht nur Beiwerk, sondern zentraler Bestandteil des Buches. Sie ermöglichen eine direkte Anwendung auf die eigene Situation und machen das Buch zu einem echten Arbeitsinstrument – sei es für die Selbstreflexion oder auch im professionellen Kontext.
„Wenn es besser ist zu gehen“ ist ein durchdachter, wissenschaftlich fundierter und zugleich zugänglicher Ratgeber, der weit über oberflächliche Beziehungstipps hinausgeht. Carlotta Welding gelingt es, komplexe psychologische Prozesse verständlich und praxisnah darzustellen. Besonders die klare Struktur, die differenzierten Konzepte und die hilfreichen Übungen machen das Buch zu einer wertvollen Unterstützung für alle, die sich ehrlich mit ihrer Beziehung auseinandersetzen möchten



