Die Psychologin liest: Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen

15. Juni 2026

Moral ohne Erlösung – ein starker Konflikt, der ins Leere läuft


Löwen wecken ist ein psychologisch dicht erzählter Roman, der weniger von äußerer Handlung als von inneren Konflikten lebt. Im Zentrum steht ein Arzt, der nach einem folgenschweren Unfall moralisch und existenziell unter Druck gerät. Die Autorin arbeitet dabei sehr konsequent mit inneren Monologen, Schuldverarbeitung und kognitiver Selbstrechtfertigung.



Gerade hier liegt aber auch eine der größten Schwächen: Der Einstieg fällt ungewöhnlich schwer. Die ersten Kapitel wirken langatmig, weil sie sich stark in der Gedankenwelt der Figuren verlieren und die äußere Handlung nur langsam voranschreitet. Das erzeugt zwar eine gewisse psychologische Tiefe, führt aber gleichzeitig dazu, dass der Zugang zum Buch erschwert wird. Man braucht Geduld, bis sich Spannung und Dynamik entwickeln.

Im weiteren Verlauf gewinnt der Roman an Intensität. Die moralischen Dilemmata werden greifbarer, und die Figuren entfalten eine zunehmende Ambivalenz. Besonders gelungen ist, wie konsequent die Autorin zeigt, wie Menschen sich selbst ihre Entscheidungen plausibel machen, auch wenn diese objektiv fragwürdig sind. Diese psychologische Genauigkeit gehört klar zu den Stärken des Buches.


Das Ende ist formal schlüssig und passt zur inneren Logik der Geschichte. Es wirkt konsequent, weil es die zuvor angelegten Entwicklungen nicht künstlich auflöst oder beschönigt. Gleichzeitig bleibt jedoch ein gewisses Gefühl der Enttäuschung zurück. Es stellt sich kaum eine echte Veränderung ein, weder auf der Handlungsebene noch in der Entwicklung der Figuren. Gerade nach der aufgebauten Spannung hätte man sich eine stärkere Transformation oder zumindest eine klarere Konsequenz gewünscht.


Insgesamt ist „Löwen wecken“ ein anspruchsvoller, psychologisch fokussierter Roman, der vor allem durch seine Figurenanalyse überzeugt, aber durch seinen zähen Einstieg und ein eher ernüchterndes Ende nicht durchgehend trägt. Besonders Leser, die eine handlungsgetriebene Geschichte erwarten, könnten hier an ihre Grenzen stoßen.


Löwen wecken

Ayelet Gundar-Goshen


Ein psychologisch dichter Roman über Schuld, Verantwortung und moralische Grauzonen. Nachdem ein erfolgreicher Neurochirurg nach einem Unfall in der Wüste Eritreas eine folgenschwere Entscheidung trifft, gerät er zunehmend in eine emotionale und ethische Ausnahmesituation. Als die Witwe des Opfers ihn mit seiner Tat konfrontiert, entwickelt sich eine beklemmende Dynamik aus Abhängigkeit, Druck und Selbstrechtfertigung.


Buch ansehen (Thalia)


Buch ansehen (Hugendubel)

von Karina Haufe 15. Juni 2026
Warum Empathie allein die Welt nicht verändert
von Karina Haufe 15. Juni 2026
Zwischen Fürsorge und Versagen - Wut als leiser Dauerzustand
von Karina Haufe 15. Juni 2026
1. Was ist die therapeutische Beziehung und warum ist sie so wichtig? Die therapeutische Beziehung beschreibt die professionelle Zusammenarbeit zwischen Therapeut:in und Patient:in beziehungsweise Klient:in. Sie bildet die Grundlage jeder psychotherapeutischen Behandlung und gilt als einer der wichtigsten Wirkfaktoren für den Therapieerfolg. Unabhängig davon, welche Therapieform angewendet wird, findet Veränderung immer innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung statt. Patient:innen müssen sich verstanden, ernst genommen und sicher fühlen, um belastende Gedanken, Gefühle und Erfahrungen offen ansprechen zu können. Erst auf dieser Grundlage können therapeutische Methoden ihre Wirkung entfalten. Die therapeutische Beziehung ist dabei keine Freundschaft und auch keine private Beziehung. Sie verfolgt ein klares Ziel: die psychische Gesundheit, das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung der Patient:innen zu fördern. Therapeut:innen bringen ihre fachliche Kompetenz, ihre Erfahrung und ihre therapeutischen Fähigkeiten ein, während die Anliegen, Bedürfnisse und Ziele der Patient:innen im Mittelpunkt stehen. 1.1 Definition und Merkmale Die therapeutische Beziehung unterscheidet sich in mehreren Punkten von alltäglichen Beziehungen. Sie ist durch eine klare Rollenverteilung, professionelle Grenzen und eine gemeinsame Ausrichtung auf therapeutische Ziele gekennzeichnet. Gleichzeitig handelt es sich um eine echte zwischenmenschliche Beziehung. Patient:innen erleben im Kontakt mit Therapeut:innen Vertrauen, Verständnis, Enttäuschung, Unsicherheit oder Hoffnung. Diese Erfahrungen können den therapeutischen Prozess sowohl fördern als auch erschweren. Eine tragfähige therapeutische Beziehung zeichnet sich insbesondere durch folgende Merkmale aus: Vertrauen und emotionale Sicherheit Empathie und Verständnis Wertschätzung und Respekt Transparenz und Verlässlichkeit Offenheit in der Kommunikation Gemeinsame Zielorientierung Professionelle Grenzen Diese Faktoren fördern die Bereitschaft, sich auf therapeutische Prozesse einzulassen und auch schwierige Themen offen zu bearbeiten. 1.2 Bedeutung im therapeutischen Prozess Die therapeutische Beziehung schafft die Voraussetzungen dafür, dass psychotherapeutische Interventionen wirksam werden können. Selbst die wirksamsten Methoden entfalten nur begrenzt Wirkung, wenn keine vertrauensvolle Zusammenarbeit besteht. Eine gute therapeutische Beziehung fördert die Motivation zur Veränderung, erleichtert die aktive Mitarbeit und unterstützt Patient:innen dabei, neue Erfahrungen zu machen. Darüber hinaus trägt sie dazu bei, Therapieabbrüche zu reduzieren und die langfristige Umsetzung therapeutischer Inhalte zu verbessern. Die Bedeutung der therapeutischen Beziehung wird inzwischen von nahezu allen psychotherapeutischen Schulen anerkannt. Während sich die theoretischen Erklärungen unterscheiden, besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Qualität der Zusammenarbeit einen wesentlichen Einfluss auf den Therapieverlauf hat. 2. Die therapeutische Allianz nach Edward Bordin: Das Drei-Komponenten-Modell Eines der bekanntesten Modelle zur Beschreibung der therapeutischen Beziehung stammt von dem Psychologen Edward Bordin. Sein Konzept der therapeutischen Allianz gilt bis heute als zentraler theoretischer Ansatz zur Erklärung erfolgreicher Therapieprozesse. Bordin beschrieb die therapeutische Allianz als Zusammenspiel von drei Komponenten: gemeinsamen Zielen, gemeinsamen Aufgaben und einer tragfähigen emotionalen Bindung. 2.1 Gemeinsame Ziele (Goals) Eine erfolgreiche Therapie setzt voraus, dass Therapeut:in und Patient:in ein gemeinsames Verständnis darüber entwickeln, welche Veränderungen erreicht werden sollen. Klare und realistische Ziele schaffen Orientierung und fördern die Motivation zur aktiven Mitarbeit. Fehlt eine ausreichende Abstimmung über die Ziele der Behandlung, können Missverständnisse, Unsicherheit oder Frustration entstehen. Die gemeinsame Zieldefinition bildet daher einen wichtigen Bestandteil einer erfolgreichen therapeutischen Zusammenarbeit. 2.2 Gemeinsame Aufgaben (Tasks) Neben den Therapiezielen ist es notwendig, sich über die Wege zur Zielerreichung zu verständigen. Dazu gehören beispielsweise therapeutische Gespräche, Verhaltensübungen, Expositionen, Reflexionsaufgaben oder Veränderungen im Alltag. Je nachvollziehbarer und sinnvoller die vereinbarten Maßnahmen für die Patient:innen erscheinen, desto größer ist in der Regel die Bereitschaft zur Mitarbeit. Die gemeinsame Akzeptanz der therapeutischen Aufgaben stärkt die Allianz und unterstützt den Therapieerfolg. 2.3 Emotionale Bindung (Bond) Die emotionale Bindung beschreibt die Qualität der Beziehung zwischen Therapeut:in und Patient:in. Sie umfasst Vertrauen, gegenseitigen Respekt sowie das Gefühl, verstanden und angenommen zu werden. Eine stabile emotionale Bindung erleichtert es Patient:innen, auch belastende Themen anzusprechen und sich auf herausfordernde therapeutische Prozesse einzulassen. Sie bildet damit das emotionale Fundament der therapeutischen Allianz. 3. Theoretische Perspektiven auf die therapeutische Beziehung Verschiedene Therapieschulen erklären die Bedeutung der therapeutischen Beziehung auf unterschiedliche Weise. Trotz dieser Unterschiede wird ihre zentrale Rolle heute von nahezu allen Ansätzen anerkannt. 3.1 Die psychodynamische Sichtweise Psychodynamische Verfahren betrachten die therapeutische Beziehung als einen Ort, an dem frühere Beziehungserfahrungen sichtbar werden. Gefühle, Erwartungen und Beziehungsmuster aus der Vergangenheit können auf die/den Therapeut:in übertragen werden. Besondere Bedeutung haben dabei die Konzepte der Übertragung und Gegenübertragung. Die Analyse dieser Prozesse ermöglicht ein tieferes Verständnis innerer Konflikte und zwischenmenschlicher Muster. Gleichzeitig können innerhalb der therapeutischen Beziehung neue und korrigierende Beziehungserfahrungen entstehen. 3.2 Die humanistische Sichtweise Humanistische Therapieansätze, insbesondere die personzentrierte Therapie von Carl Rogers, betrachten die therapeutische Beziehung als den zentralen Motor psychischer Veränderung. Rogers beschrieb drei grundlegende Bedingungen einer hilfreichen therapeutischen Beziehung: Empathie, Kongruenz und bedingungsfreie positive Wertschätzung. Werden diese Bedingungen erfüllt, können persönliches Wachstum, Selbstakzeptanz und die Entwicklung individueller Ressourcen gefördert werden. 3.3 Die verhaltenstherapeutische Sichtweise Auch die moderne Verhaltenstherapie misst der therapeutischen Beziehung große Bedeutung bei. Sie wird als Voraussetzung für Motivation, Vertrauen und aktive Mitarbeit verstanden. Darüber hinaus erleichtert eine stabile therapeutische Beziehung die Durchführung anspruchsvoller Interventionen, etwa von Expositionsübungen bei Angststörungen oder der Bearbeitung belastender Lebenserfahrungen. Die therapeutische Beziehung wird daher nicht nur als Rahmenbedingung, sondern als aktiver Bestandteil therapeutischer Veränderung betrachtet. 4. Therapeutische Beziehung und Bindungstheorie Die Bindungstheorie von John Bowlby liefert eine wichtige Erklärung dafür, weshalb Menschen therapeutische Beziehungen unterschiedlich erleben. Nach Bowlby entwickeln Menschen bereits in der Kindheit innere Arbeitsmodelle darüber, ob andere Menschen verlässlich, unterstützend und vertrauenswürdig sind. Diese Erfahrungen beeinflussen spätere Beziehungen – auch die Beziehung zur/zum Therapeut:in. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil fällt es häufig leichter, Vertrauen aufzubauen und Unterstützung anzunehmen. Unsichere Bindungsmuster können dagegen mit Schwierigkeiten im Umgang mit Nähe, Vertrauen oder emotionaler Offenheit verbunden sein. Aus bindungstheoretischer Sicht können Therapeut:innen als sichere Basis fungieren. Eine verlässliche therapeutische Beziehung ermöglicht es Patient:innen, neue Erfahrungen zu machen, emotionale Belastungen zu verarbeiten und schrittweise neue Beziehungsmuster zu entwickeln. 5. Wie beeinflusst die therapeutische Allianz den Therapieerfolg? Die Bedeutung der therapeutischen Allianz wird durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Meta-Analysen zeigen, dass die Qualität der therapeutischen Beziehung zuverlässig mit dem Therapieerfolg zusammenhängt. Dieser Zusammenhang wurde über unterschiedliche Therapieverfahren hinweg nachgewiesen und findet sich sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen. Patient:innen, die die Zusammenarbeit mit ihren Therapeut:innen positiv erleben, beteiligen sich häufiger aktiv an der Behandlung, setzen therapeutische Empfehlungen konsequenter um und brechen Therapien seltener ab. Im Rahmen der sogenannten Common-Factors-Forschung wird die therapeutische Allianz deshalb als einer der wichtigsten allgemeinen Wirkfaktoren erfolgreicher Psychotherapie betrachtet. Viele Forschende gehen heute davon aus, dass die Qualität der therapeutischen Beziehung mindestens ebenso bedeutsam ist wie die Wahl einer bestimmten Methode. 6. Wie wird die therapeutische Beziehung gemessen? Da die therapeutische Beziehung einen wichtigen Einfluss auf den Therapieerfolg hat, wurde sie intensiv wissenschaftlich untersucht. Zu den bekanntesten Messinstrumenten gehören das Working Alliance Inventory (WAI), der Helping Alliance Questionnaire (HAQ), die California Psychotherapy Alliance Scale (CALPAS) und die Session Rating Scale (SRS). Diese Verfahren erfassen unterschiedliche Aspekte der therapeutischen Allianz, beispielsweise die Übereinstimmung hinsichtlich der Therapieziele, die Qualität der Zusammenarbeit oder die emotionale Bindung zwischen Therapeut:in und Patient:in. Je nach Instrument fließen die Einschätzungen der Patient:innen, der Therapeut:innen oder unabhängiger Beobachter in die Bewertung ein. 7. Herausforderungen in der therapeutischen Beziehung Auch eine grundsätzlich gute therapeutische Beziehung verläuft nicht immer konfliktfrei. Missverständnisse, unterschiedliche Erwartungen oder emotionale Belastungen können die Zusammenarbeit zeitweise erschweren. Der professionelle Umgang mit solchen Herausforderungen gehört zu den zentralen Aufgaben therapeutischer Arbeit. 7.1 Allianz-Rupturen und Beziehungsstörungen Vorübergehende Störungen der therapeutischen Allianz werden in der Psychotherapieforschung als Allianz-Rupturen bezeichnet. Sie können sich beispielsweise durch Konflikte, Vertrauensverluste, Rückzug oder Widerstand äußern. Solche Spannungen gelten nicht als ungewöhnlich. Entscheidend ist vielmehr, wie mit ihnen umgegangen wird. Forschungsergebnisse zeigen, dass die offene Bearbeitung von Beziehungskonflikten häufig zu einem vertieften Verständnis und einer stärkeren therapeutischen Allianz führen kann. Die erfolgreiche Bewältigung von Allianz-Rupturen ermöglicht oftmals wichtige korrigierende Beziehungserfahrungen und kann selbst Teil des therapeutischen Veränderungsprozesses sein. 7.2 Professionelle Grenzen und Nähe-Distanz-Regulation Eine weitere Herausforderung besteht darin, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen emotionaler Nähe und professioneller Distanz zu gestalten. Patient:innen benötigen Vertrauen, Verständnis und Wertschätzung. Gleichzeitig müssen Therapeut:innen ihre professionelle Rolle wahren und klare Grenzen einhalten. Diese Grenzen schützen beide Seiten und gewährleisten, dass therapeutische Entscheidungen fachlich begründet und am Wohl der Patient:innen orientiert bleiben. Professionelle Nähe bedeutet daher nicht persönliche Freundschaft, sondern eine verlässliche und therapeutisch hilfreiche Beziehungsgestaltung. 8. Aktuelle Forschungsdiskussionen zur therapeutischen Beziehung Die therapeutische Beziehung bleibt ein zentrales Thema der Psychotherapieforschung. Aktuelle Untersuchungen beschäftigen sich unter anderem mit der therapeutischen Allianz in der Online-Psychotherapie, der Bedeutung kultureller Sensibilität sowie der Beziehungsgestaltung bei Traumafolgestörungen und Persönlichkeitsstörungen. Darüber hinaus wird erforscht, welchen Einfluss Merkmale der Therapeut:innen – beispielsweise Empathie, Erfahrung oder Kommunikationsstil – auf die Qualität der therapeutischen Beziehung haben. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass auch digitale Therapieformate tragfähige therapeutische Allianzen ermöglichen können. Gleichzeitig besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die therapeutische Beziehung unabhängig vom therapeutischen Verfahren weiterhin einen der wichtigsten Wirkfaktoren erfolgreicher Psychotherapie darstellt. 9. Fazit Die therapeutische Beziehung ist weit mehr als der Rahmen einer Psychotherapie. Sie stellt einen zentralen Wirkfaktor dar und beeinflusst maßgeblich den Verlauf und Erfolg therapeutischer Prozesse. Das Modell der therapeutischen Allianz nach Edward Bordin verdeutlicht, dass erfolgreiche Therapie auf drei zentralen Säulen beruht: gemeinsame Ziele, gemeinsam getragene Aufgaben und eine vertrauensvolle emotionale Bindung. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass die Qualität dieser Zusammenarbeit eng mit dem Therapieerfolg verbunden ist. Unabhängig von der jeweiligen Therapierichtung bildet eine tragfähige therapeutische Beziehung damit die Grundlage für nachhaltige Veränderung, persönliches Wachstum und psychische Gesundheit.