Die Psychologin liest: Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl

15. Juni 2026

Zwischen Fürsorge und Versagen - Wut als leiser Dauerzustand


Mareike Fallwickls Roman Die Wut, die bleibt hat mich in einer Weise überzeugt, die gleichzeitig anstrengend ist. Es ist kein Buch, das sich leicht liest. Immer wieder kostet es Überwindung weiterzulesen, weil es konsequent Emotionen auslöst, die unangenehm sind: Traurigkeit, Ohnmacht, vor allem aber Wut. Genau darin liegt jedoch seine Stärke. Der Text zwingt zur Auseinandersetzung, ohne Entlastung anzubieten.

Was besonders heraussticht, ist die Darstellung von Wut nicht als kurzfristige Reaktion, sondern als dauerhafter Zustand. Der Roman verweigert die gängige Erwartung, dass sich Emotionen am Ende „auflösen“ oder in etwas Produktives überführt werden. Stattdessen bleibt die Wut bestehen, fast wie ein Grundrauschen. Das wirkt zunächst frustrierend, ist aber konsequent und realistisch.


Ein zentraler Aspekt ist die Verschiebung von Verantwortung nach dem Bruch im System. Der Roman interessiert sich weniger für ein einzelnes Ereignis als für das, was danach passiert: Wer übernimmt? Wer kann überhaupt übernehmen? Und zu welchem Preis? Genau hier wird auch die Figur Sarah relevant. Ihr Verhalten lässt sich nicht eindeutig greifen und war für mich einer der irritierendsten Punkte. Sie übernimmt sehr schnell eine zentrale Rolle im Gefüge, fast wie eine Ersatzmutter. Zunächst stellt sich die Frage, warum sie das in dieser Form tut. Anders als man es vorschnell interpretieren könnte, wirkt ihr Verhalten jedoch nicht wirklich übergriffig. Es ist vielmehr Ausdruck einer Situation, in der eine Versorgungslücke entsteht, die jemand füllen muss.

Mögliche Deutungen dafür sind vielschichtig. Einerseits kann man es als konsequente Form von Loyalität und Verantwortungsübernahme lesen. Sarah reagiert auf ein akutes Defizit und handelt pragmatisch. Andererseits könnte auch ein persönliches Motiv eine Rolle spielen, etwa das Bedürfnis, gebraucht zu werden oder Halt in einer klaren Rolle zu finden. Ebenso plausibel ist, dass sie schlicht in diese Position „hineinrutscht“, weil Strukturen fehlen, die solche Aufgaben sonst auffangen würden. Der Roman lässt diese Frage bewusst offen und zwingt dazu, diese Ambivalenz auszuhalten.


Zwei weitere viel diskutierte Aspekte verstärken diese Wirkung. Zum einen zeigt das Buch sehr eindrücklich die Unsichtbarkeit und Selbstverständlichkeit von Care-Arbeit. Erst wenn sie wegfällt, wird sichtbar, wie tragend sie eigentlich ist. Zum anderen verzichtet der Roman weitgehend auf klare Schuldzuweisungen. Es gibt keine einfache moralische Ordnung, in der einzelne Figuren eindeutig verantwortlich gemacht werden können. Stattdessen entsteht ein komplexes Bild aus individuellen Entscheidungen und strukturellen Bedingungen.


Insgesamt ist Die Wut, die bleibt ein fordernder, aber präziser Roman. Er verlangt viel, gibt aber auch viel zurück, wenn man bereit ist, sich auf diese Zumutung einzulassen. Gerade weil er keine einfachen Antworten liefert und emotionale Spannung nicht auflöst, bleibt er lange im Kopf.


Bewertung: 5 von 5 Salzstreuer.


Weil der Roman mit großer Klarheit und emotionaler Wucht sichtbar macht, wie strukturelle Überlastung, Care-Arbeit und weibliche Wut ineinandergreifen und dabei eine Geschichte entsteht, die lange nachwirkt und gesellschaftlich wie persönlich gleichermaßen trifft.


Die Wut, die bleibt

Mareike Fallwickl


Ein intensiver Roman über Care-Arbeit, Überforderung und die stille Wut hinter dem Funktionieren im Alltag. Ausgehend von einem plötzlichen Verlust zeigt die Geschichte, wie stark Frauen emotional und strukturell belastet sind – und welche Dynamiken in Familien und Freundschaften entstehen, wenn diese Belastung sichtbar wird.


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