Die Psychologin liest
Bücher auf der Couch
Warum es diesen Buchblog gibt
Ich lese viel, quer durch verschiedene Genres, und merke dabei immer wieder, dass mich an Büchern mehr interessiert als nur die Frage, ob sie mir gefallen. Als Psychologin achte ich automatisch darauf, wie Figuren miteinander umgehen, welche Bedürfnisse und Konflikte hinter ihrem Verhalten stehen, wie Beziehungen erzählt werden und welche Vorstellungen von Familie, Liebe, Macht oder psychischer Gesundheit ein Buch transportiert.
Aus genau diesem Blickwinkel ist dieser Buchblog entstanden. Hier verbinde ich meinen persönlichen Leseeindruck mit psychologischen Beobachtungen, ohne aus jeder Figur gleich einen Fall für die Diagnostik zu machen. Mich bewegt, was ein Text tatsächlich zeigt, was sich daraus sinnvoll ableiten lässt und an welchen Stellen eine Geschichte psychologisch stimmig oder auch widersprüchlich wirkt.
Daneben bleiben natürlich all die Dinge wichtig, die ein Buch an sich ausmachen: Sprache, Atmosphäre, Worldbuilding, Erzähltempo und innere Logik. Bei Sachbüchern prüfe ich zusätzlich genauer, wie sauber mit Studien, Quellen und psychologischen Aussagen gearbeitet wird.
Meine Rezensionen sollen deshalb persönlicher sein als eine klassische Buchkritik, aber genauer als ein bloßes „mochte ich“ oder „war nichts für mich“. Ich möchte zeigen, warum ein Buch bei mir funktioniert, wo ich Schwächen sehe und für welche Leser es besonders gut passen kann.
Damit diese Einschätzungen nachvollziehbarer werden, ergänze ich meine Rezensionen um ein eigenes Bewertungssystem mit sieben Kriterien. Die Punktzahl ersetzt dabei nicht meinen persönlichen Eindruck, sondern macht sichtbarer, wo die jeweiligen Stärken und Schwächen eines Buches liegen.
So bewerte ich Bücher
Sternebewertungen sind praktisch, sagen allein aber oft erstaunlich wenig aus. Zwei Bücher können beide vier Sterne bekommen und trotzdem völlig unterschiedliche Stärken und Schwächen haben. Deshalb bewerte ich Bücher zusätzlich anhand von sieben festen Kriterien. Jedes Kriterium erhält 1 bis 10 Punkte. So wird nachvollziehbarer, warum ein Buch bei mir besonders gut oder eher mittelmäßig abschneidet. Dabei soll die Punktzahl keine vermeintlich objektive Wahrheit darstellen. Literatur bleibt Geschmackssache. Das Bewertungssystem hilft vielmehr dabei, meinen Eindruck transparent zu machen und Bücher besser miteinander vergleichen zu können.
Cover und erster Eindruck
Noch bevor die eigentliche Geschichte beginnt, vermittelt ein Buch bereits einen ersten Eindruck. Deshalb schaue ich mir auch Cover, Titel, Gestaltung und Klappentext an. Bei Sachbüchern gehört dazu gegebenenfalls auch das Inhaltsverzeichnis. Mich interessiert dabei vor allem, welche Erwartungen dadurch entstehen und ob Gestaltung und Inhalt sinnvoll zusammenpassen.
Das Cover fließt bewusst nicht in den Gesamtscore ein. Die äußere Gestaltung kann meinen ersten Eindruck prägen, soll aber nicht darüber entscheiden, wie ich den Inhalt eines Buches bewerte.
Meine sieben Bewertungskriterien
1. Figuren
Hier geht es darum, wie überzeugend die Charaktere geschrieben sind. Sind ihre Entscheidungen nachvollziehbar? Haben sie Persönlichkeit und Tiefe? Entwickeln sie sich im Laufe der Geschichte weiter? Funktionieren Beziehungen und Dialoge? Eine hohe Wertung bekommen Bücher mit Figuren, die glaubwürdig wirken und im Gedächtnis bleiben.
10 Punkte stehen für außergewöhnlich starke und differenziert ausgearbeitete Figuren, 5 Punkte für solide, aber wenig auffällige Charaktere und 1 Punkt für sehr flache oder unglaubwürdige Figuren.
2. Worldbuilding und Setting
Dieses Kriterium umfasst die Umgebung, in der die Geschichte spielt. Bei Fantasy gehören dazu beispielsweise Kulturen, Religionen, politische Systeme, Geschichte, Magie, Geografie und gesellschaftliche Strukturen. Bei historischen Romanen oder Gegenwartsliteratur geht es entsprechend darum, wie glaubwürdig und lebendig das jeweilige Umfeld gestaltet wird. Entscheidend ist nicht, wie groß oder kompliziert eine Welt ist, sondern wie überzeugend sie funktioniert. Ein kleiner Schauplatz kann deshalb ebenso zehn Punkte erreichen wie eine umfangreiche Fantasywelt.
3. Handlung
Hier bewerte ich den grundsätzlichen Aufbau der Geschichte. Wie überzeugend sind die Konflikte? Greifen einzelne Handlungsstränge sinnvoll ineinander? Gibt es stimmige Wendungen? Werden wichtige Entwicklungen vorbereitet und nachvollziehbar aufgelöst? Ein Buch braucht keine komplizierte Handlung, um eine hohe Wertung zu bekommen. Entscheidend ist, ob der gewählte Plot zur Geschichte passt und gut umgesetzt wurde.
4. Schreibstil und Sprache
Der Schreibstil befasst sich mit der sprachlichen und erzählerischen Umsetzung. Dazu gehören beispielsweise Wortwahl, Satzbau, Dialoge, Beschreibungen und die Art, wie Informationen vermittelt werden. Ein anspruchsvoller oder poetischer Stil ist dabei nicht automatisch besser als ein einfacher. Entscheidend ist, ob die Sprache zum Buch passt und ihre Wirkung erzielt. Auch ein sehr direkt geschriebener Thriller kann deshalb zehn Punkte erhalten.
5. Atmosphäre
Die Atmosphäre beschreibt, wie intensiv ein Buch seine Stimmung transportieren kann. Fühlt sich eine düstere Welt tatsächlich bedrohlich an? Vermittelt ein Abenteuer ein Gefühl von Größe und Entdeckung? Funktioniert die Gemütlichkeit einer Cozy Fantasy? Besonders atmosphärische Bücher schaffen es, dass ich nicht nur lese, was passiert, sondern ein Gefühl für ihre Welt entwickle.
6. Pacing und Spannung
Hier geht es um das Erzähltempo und darum, wie gut ein Buch mein Interesse aufrechterhält. Spannung bedeutet dabei nicht zwangsläufig Action. Auch ein langsamer Roman kann eine sehr hohe Wertung erhalten, wenn seine Entwicklung Neugierde weckt und sich das Tempo bewusst anfühlt. Punkte verliert ein Buch dagegen, wenn Szenen unnötig lang wirken, sich Inhalte wiederholen oder wichtige Entwicklungen überhastet abgehandelt werden.
7. Lesespaß
Das subjektivste Kriterium bekommt bewusst einen eigenen Platz. Wie gerne habe ich das Buch gelesen? Wollte ich weiterlesen? Habe ich mich auf die nächste Lesesession gefreut? Würde ich das Buch noch einmal lesen oder anderen Leser:innen empfehlen? Ein Buch kann „handwerklich“ überzeugen und mich trotzdem emotional kaum erreichen. Umgekehrt kann ein Buch deutliche Schwächen besitzen und mir dennoch viel Freude beim Lesen bereiten. Genau deshalb wird der persönliche Lesespaß getrennt bewertet.
Was bedeuten die Punkte?
10 außergewöhnlich
9 hervorragend
8 sehr gut
7 gut
6 überdurchschnittlich
5 solide
4 eher schwach
3 deutlich schwach
2 sehr schwach
1 misslungen
Die Abstufungen sollen vor allem Vergleiche erleichtern. 7 von 10 Punkten sind beispielsweise keine schlechte Bewertung. Sie bedeuten, dass mir ein Aspekt klar gefallen hat, ich aber erkennbare Schwächen sehe.
Der Gesamtscore
Aus den sieben Einzelwertungen entsteht am Ende ein Gesamtwert. Damit dieser leichter erfassbar ist, rechne ich das Ergebnis auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten um.
Ein Buch könnte beispielsweise folgendermaßen abschneiden:
Figuren 9/10
Welt und Setting 10/10
Handlung 8/10
Schreibstil 9/10
Atmosphäre 10/10
Pacing und Spannung 7/10
Lesespaß 9/10
Damit erreicht das Buch 62 von 70 möglichen Punkten. Umgerechnet entspricht das 88,6 von 100 Punkten, gerundet also einer Gesamtwertung von 89/100.
Der Gesamtscore ist allerdings nicht wichtiger als die Einzelwertungen. Ein Roman mit 82 Punkten kann für bestimmte Leser:innen die deutlich bessere Wahl sein als ein Roman mit 90 Punkten. Wer beispielsweise besonders großen Wert auf Worldbuilding legt, kann ein Buch mit zehn Punkten in dieser Kategorie einem insgesamt höher bewerteten Buch vorziehen.
Bücher werden an ihrem eigenen Anspruch gemessen
Ein wichtiger Grundsatz meines Bewertungssystems lautet: Ich bewerte ein Buch danach, was es sein möchte. Eine Cozy Fantasy muss keine komplexen politischen Intrigen besitzen. Ein Thriller muss keine jahrtausendealte Weltgeschichte entwickeln. Ein literarischer Roman muss nicht alle zwanzig Seiten eine überraschende Wendung liefern. Deshalb werden unterschiedliche Genres nicht künstlich an denselben Erwartungen gemessen. Die sieben Kriterien bleiben zwar gleich, ihre Bedeutung wird jedoch immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen Buch betrachtet. Damit soll die Bewertung möglichst transparent bleiben, ohne so zu tun, als ließe sich Literatur vollständig in Zahlen ausdrücken.
Für wen ist das Buch geeignet?
Bei meinen Rezensionen und Buchvergleichen geht es deshalb nicht nur darum, welches Buch die höhere Punktzahl erreicht. Mindestens genauso wichtig ist die Frage: Für wen ist dieses Buch geeignet?
Am Ende einer Bewertung ordne ich deshalb ein, welche Leser:innen besonders wahrscheinlich Freude an dem Buch haben und für wen es eher nicht die richtige Wahl ist. Ein langsamer Fantasyroman mit umfangreichem Worldbuilding kann für Leser:innen großer, detaillierter Welten genau das Richtige sein und gleichzeitig für Leser:innen ungeeignet sein, die eine schnelle Handlung und permanente Spannung bevorzugen. So soll aus einer Bewertung keine bloße Rangliste entstehen, sondern eine möglichst hilfreiche Entscheidungshilfe.