Die Psychologin liest: Wie ich mit Steinen im Rucksack um die Welt rannte von Ferdinand Saalbach
Die längste Reise führte nach innen
Reiseberichte und autobiografische Bücher lese ich grundsätzlich auch mit einem psychologischen Blick. Mich interessiert nicht nur, wohin jemand reist, sondern auch, was er innerlich mit sich herumträgt. Genau deshalb hat mich dieses Buch überrascht.
Bereits optisch macht es einen sehr guten Eindruck. Das Buch liegt angenehm in der Hand, wirkt hochwertig verarbeitet und die Fotografien sind für mich eine echte Bereicherung. Besonders gefallen hat mir, dass nicht nur Landschaften und Sehenswürdigkeiten gezeigt werden, sondern auch der Autor selbst sichtbar wird. Dadurch entsteht eine stärkere Verbindung zur erzählenden Person und die Reise wirkt persönlicher.
Wer einen klassischen Reisebericht erwartet, wird zwar viele Reiseeindrücke finden, doch für mich liegt die eigentliche Stärke des Buches an einer anderen Stelle. Die Reise dient immer wieder als Rahmen für Fragen nach Glück, Identität, Zugehörigkeit und den Geschichten, die wir über uns selbst erzählen.
Der Titel erweist sich dabei als sehr treffend. Die „Steine im Rucksack“ stehen für all das, was Menschen mit sich herumtragen: Sorgen, Selbstzweifel, Glaubenssätze, alte Verletzungen und Erwartungen. Das Buch macht sehr deutlich, dass man diesen Themen nicht entkommt, indem man den Kontinent wechselt. Die Kulisse verändert sich, die inneren Konflikte reisen mit.
Besonders gelungen fand ich die Darstellung des Themas Glück. Glück wird hier nicht als Endpunkt einer Suche gezeigt. Es wartet nicht automatisch am anderen Ende der Welt. Immer wieder begegnen Menschen, die ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was ein gutes Leben ausmacht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Dschungelführer, der sein Glück offenbar darin gefunden hat, sich auf wenige Menschen zu konzentrieren, eng mit der Natur verbunden zu leben und seinen eigenen Weg zu gehen. Solche Begegnungen wirken lange nach und geben dem Buch eine Tiefe, die über reine Reisebeschreibungen hinausgeht. Überhaupt sind es häufig die kleinen Begegnungen, die mich am meisten berührt haben. Menschen tauchen oft nur für kurze Zeit auf und verschwinden wieder. Trotzdem hinterlassen sie Spuren. Das Buch zeigt sehr schön, dass manche Gespräche oder Begegnungen nur wenige Stunden dauern und dennoch den Blick auf das eigene Leben verändern können.
Aus psychologischer Sicht fand ich besonders spannend, wie offen die inneren Konflikte sichtbar werden. Bereits früh wird deutlich, wie stark der innere Kritiker des Autors arbeitet. Verantwortung wird teilweise selbst dort empfunden, wo objektiv keine Verantwortung besteht. Dahinter scheinen Glaubenssätze zu stehen, die viele Menschen kennen: niemandem zur Last fallen, immer vorbereitet sein, keine Umstände machen. Gerade diese Offenheit macht das Buch für mich glaubwürdig.
Sehr gut gelungen ist auch das Thema Perspektivwechsel. Während die Reise von außen betrachtet wie ein großes Abenteuer wirkt, wird immer wieder deutlich, dass außergewöhnliche Orte allein nicht automatisch glücklich machen. Die eigene Sichtweise beeinflusst das Erleben oft stärker als die äußeren Umstände. Diese Erkenntnis zieht sich für mich wie ein roter Faden durch das Buch.
Eine weitere schöne Idee sind die Briefe, die von verschiedenen Orten an das zukünftige Ich geschickt werden. Darin steckt für mich eine Form der Selbstreflexion, die hervorragend zum Charakter des Buches passt. Erinnerungen werden nicht nur gesammelt, sondern bewusst festgehalten und später erneut betrachtet.
Die bereisten Länder werden lebendig beschrieben. Gleichzeitig hatte ich nicht das Gefühl, einen Reiseführer zu lesen. Die Orte bleiben eng mit den Erfahrungen und Gedanken verknüpft, die dort entstehen. Eine Karte mit der Reiseroute hätte ich dennoch hilfreich gefunden. Gerade bei den vielen Stationen wäre es schön gewesen, den Weg visuell nachverfolgen zu können.
Fazit
„Wie ich mit Steinen im Rucksack um die Welt rannte“ ist für mich deutlich mehr als ein Reisebericht. Es ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit den Fragen, die viele Menschen beschäftigen: Was macht glücklich? Wovor laufen wir weg? Welche Lasten tragen wir mit uns herum? Und was passiert, wenn wir ihnen unterwegs begegnen? Wer spektakuläre Abenteuer sucht, wird sie finden. Wer sich für die psychologischen Prozesse interessiert, die während einer solchen Reise entstehen, findet hier jedoch die spannendere Geschichte.
Bewertung: 5 von 5 Rucksäcken.
Weil der Autor nicht nur um die Welt reist, sondern dabei auch die unsichtbaren Lasten beleuchtet, die Menschen mit sich herumtragen, und daraus eine ehrliche, inspirierende Geschichte über Veränderung und persönliches Wachstum macht.
Wie ich mit Steinen im Rucksack um die Welt rannte
Ferdinand Saalbach
Ein persönlicher Reisebericht über Aufbruch, Selbstfindung und die Erfahrungen, die entstehen, wenn man sich mit leichtem Gepäck auf den Weg macht – und dabei feststellt, welche „Steine“ man dennoch mit sich trägt.



