Die Psychologin liest: Hungergesang von Nicola Quaß
Triggerwarnung:
Der Roman enthält potenziell belastende Themen, darunter emotionale Vernachlässigung, Isolation von Kindern, Dissoziation, psychische Auflösung, Todesmotive und familiäre Entfremdung. Besonders für Menschen mit eigenen Erfahrungen im Bereich Trauma oder Bindungsstörungen könnte das Buch emotional sehr intensiv wirken.
Der Hungergesang und die Psychologie des Verschwindens
Hungergesang lässt sich für mich am ehesten als psychologischer Roman mit Elementen des magischen Realismus, der Traumaliteratur und des literarischen Horrors einordnen. Dabei arbeitet der Roman weniger mit klassischer Spannung oder äußeren Schockmomenten, sondern vielmehr mit Atmosphäre, innerem Zerfall und einem stetig wachsenden Gefühl emotionaler Unwirklichkeit.
Im Zentrum stehen drei dreizehnjährige Drillinge, die zunehmend isoliert in einer eigenen Welt leben, während ihre Eltern emotional und schließlich auch physisch verschwinden. Äußerlich erzählt der Roman eine märchenhaft-düstere Familiengeschichte. Psychologisch gelesen eröffnet sich jedoch eine deutlich tiefere Ebene.
Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent der Roman Motive wie Hunger, Spiegel, Stillstand und Zeitauflösung miteinander verknüpft. Der Hunger erscheint dabei nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional: als Sehnsucht nach Bindung, Sicherheit, Wahrgenommenwerden und Versorgung. Gleichzeitig bleibt dieser Hunger unstillbar. Weder die Mutter noch Frau Steppenfeld können ihn wirklich lindern.
Für mich lässt sich die gesamte Geschichte auch so interpretieren, als würde sie nicht drei eigenständige Kinder zeigen, sondern die Innenwelt einer einzigen traumatisierten und emotional vernachlässigten Person. Viele Elemente sprechen dafür: die Spiegelwelt als dissoziativer Rückzugsraum, die eigene Sprache der Drillinge, die aufgelöste Zeitstruktur, das ewige Alter von dreizehn Jahren sowie die zunehmende Entrückung von der Realität. Die Drillinge wirken dadurch fast wie abgespaltene Persönlichkeitsanteile, die versuchen, mit Isolation und emotionalem Mangel umzugehen.
Gerade gegen Ende entwickelt der Roman eine fast beklemmende Todesnähe. Jahreszeiten überlagern sich, Zeit scheint nicht mehr linear zu verlaufen und die Figuren werden zunehmend unerreichbar. Das viele Schlafen, Schaukeln und Dissoziieren erinnerte mich stellenweise an einen langsamen Rückzug aus der Realität oder sogar an einen Übergang zwischen Leben und Tod. Besonders das Finale, in dem die Mutter selbst im Spiegel verschwindet, wirkte auf mich wie die endgültige psychische Trennung von den Eltern und der äußeren Welt.
Was mich an Hungergesang letztlich so begeistert hat, ist genau diese Offenheit. Der Roman erklärt sich nie vollständig und verweigert einfache Antworten. Stattdessen entsteht ein dichter psychologischer Zwischenraum aus Märchen, Trauma, Erinnerung und Dissoziation, der auch lange nach dem Lesen nachwirkt. Für mich war das eines der atmosphärisch und psychologisch eindrücklichsten Bücher seit langer Zeit.



