Die Psychologin liest: Der Kopist von Chris Grimm

15. Juni 2026

Munich Noir zwischen Identitätssuche und narzisstischer Kränkung


Der Kopist ist ein Roman, der weniger über seine Krimihandlung funktioniert als über Atmosphäre, psychologische Motive und offene Fragen. Von der ersten Seite an setzt der Text auf kurze, fragmentierte Sätze, düstere Bilder und eine stilisierte Sprache, die ein hohes Lesetempo erzeugt. Das liest sich ausgesprochen flüssig und sorgt dafür, dass man mühelos durch die Kapitel gleitet. Gleichzeitig bleibt vieles lange bewusst undeutlich. Figuren, Hintergründe und Zusammenhänge werden eher angedeutet als erklärt.


Im Mittelpunkt steht Kommissar Hans von Barbeleben, der den Tod der Doktorandin Marie Senger untersucht. Schnell entsteht der Verdacht, dass ein Nachahmungstäter die Handschrift des berüchtigten Serienmörders „Prediger“ kopiert. Doch je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto deutlicher wird, dass der Roman sich für etwas anderes interessiert als die klassische Frage nach dem Täter. Es geht um Kopien, Vorbilder, Manipulation und die Suche nach einer eigenen Identität.

Psychologisch ist vor allem die Figur Markus Lehmann interessant. Auf den ersten Blick erscheint er als typischer Außenseiter: pedantisch, zwanghaft, sozial isoliert und besessen von Ordnung und Kontrolle. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, dass hinter seinem Verhalten eine tiefgreifende narzisstische Kränkung steckt. Lehmann leidet nicht nur darunter, übersehen zu werden. Er erlebt sich als jemand, dessen Fähigkeiten und Bedeutung nie wirklich anerkannt wurden. Marie Sengers Dissertation über imitierende Täter trifft ihn genau an diesem wunden Punkt. Seine Wut richtet sich weniger gegen ihre Person als gegen die Tatsache, dass sie Menschen wie ihn beschreibt, ohne ihn zu sehen. Aus psychologischer Sicht wirkt Lehmann deshalb weniger wie ein klassischer Serienmörder als wie ein Mensch, der verzweifelt versucht, seine Bedeutung zu beweisen und sich vom Gefühl der Austauschbarkeit zu befreien.


Auch der Prediger bleibt eine faszinierende Figur. Seine eigentliche Macht besteht nicht in körperlicher Gewalt, sondern in seiner Fähigkeit, Menschen psychologisch zu beeinflussen. Obwohl er inhaftiert ist, lenkt und manipuliert er weiterhin die Menschen um sich herum. Besonders interessant ist dabei die Frage nach Verantwortung. Der Prediger gibt selten direkte Befehle. Stattdessen streut er Informationen, deutet Zusammenhänge an und bringt andere dazu, seine Ziele freiwillig zu verfolgen. Dadurch entsteht eine Grauzone zwischen eigenem Handeln und Fremdsteuerung, die den Roman immer wieder durchzieht.

Weniger überzeugt hat mich die eigentliche Täterfrage. Lehmann wirkt relativ früh verdächtig, sodass die kriminalistische Spannung begrenzt bleibt. Die stärkeren Momente entstehen nicht bei der Aufklärung des Falls, sondern dort, wo der Roman seine psychologischen Themen entfaltet. Auch Barbeleben bleibt für mich über weite Strecken erstaunlich schwer greifbar. Seine körperlichen Beschwerden, seine Trauer um die verstorbene Tochter Anna und seine Obsession mit dem Prediger sind interessant, werden aber zunächst nur angedeutet. Andere Figuren, insbesondere Christina, wirken stellenweise greifbarer und lebendiger.

Positiv hervorzuheben ist die Einbindung von Themen wie häuslicher Gewalt, traumatischen Erfahrungen und familiären Loyalitätskonflikten. Diese Aspekte verleihen mehreren Figuren zusätzliche Tiefe und verhindern, dass der Roman sich ausschließlich auf die Mordermittlung reduziert.


Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Der Fall um Marie Senger wird gelöst, doch die wirklich spannenden Fragen beginnen erst danach. Welche Rolle spielte Dr. Geyerberg beim Tod von Anna? Wie weit reicht der Einfluss des Predigers tatsächlich? Und wie werden sich Barbeleben und Christina weiterentwickeln? Das Ende wirkt deshalb weniger wie ein Abschluss als wie der Auftakt einer größeren Geschichte.

Der Kopist ist kein klassischer Whodunit und auch kein besonders raffinierter Ermittlerkrimi. Seine Stärke liegt in der Atmosphäre, den psychologischen Motiven und der Frage, warum Menschen andere kopieren, verehren oder manipulieren. Wer einen überraschenden Kriminalfall sucht, wird hier nur teilweise fündig. Wer sich für Identität, narzisstische Kränkungen und psychologische Abhängigkeiten interessiert, findet deutlich mehr Substanz.


Bewertung: 4 von 5 Kreise.


Nicht wegen der Täterauflösung, sondern wegen der Atmosphäre, der psychologischen Themen und der Neugier auf das, was in den Folgebänden noch kommen könnte.


Der Kopist

Chris Grimm


Ein düster-atmosphärischer Roman über Identität, Täuschung und die Frage, wie sehr wir uns selbst durch Nachahmung anderer formen. Im Zentrum steht eine Figur, die in ein Netz aus Fälschung, Rollenwechsel und psychologischer Unsicherheit gerät, wobei zunehmend unklar wird, was echt ist und was nur kopiert wurde.


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